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Ein mobiles Hospital für die Ukraine

27. Oktober 2023

Im September 2022 erhielt Rheinmetall den Auftrag, ein mobiles Feldhospital an die Ukraine zu liefern. Theoretisch Routine – aber praktisch betraten alle Beteiligten Neuland, denn zur Schulung kam ein ukrainisches Team unmittelbar aus dem Krieg nach Deutschland.

ROLE 1 Feldlazarette, die überwiegend auf den Fahrzeugen bleiben und innerhalb von sechs Stunden auf- und abgebaut werden können. Sie können sehr weit in die Front hineintransportiert werden und dienen vornehmlich zur schnellen Stabilisierung der Verwundeten für den Weitertransport in eine stationäre Behandlungseinrichtung. Um den Jahreswechsel 2023/2024 liefert Rheinmetall auch zwei Feldlazarette dieser Kategorie in die Ukraine.

ROLE 2 Diese Hospitäler bestehen meistens aus Containern und Zelten, die per Lkw transportiert werden, aber auf der Bodenfläche aufgebaut werden. Sie liegen meist ein Stück hinter der Frontlinie, der Auf-, bzw. Abbau benötigt jeweils drei Tage. Das Friedrichshafener Projekt mit einem Auftragsvolumen von 10 MioEUR gehört in diese Kategorie.

ROLE 3 Diese Hospitäler bieten den größten Behandlungsspielraum, sie kommen fest erbauten Kliniken schon sehr nahe. Unter anderem werden Role 3-Hospitäler in Lazarettschiffe eingebaut. Am Ende ist aber immer die mögliche Diagnose- und Behandlungstiefe ausschlaggebend für die Kategorisierung der Hospital-Standards.

Das Messegelände Friedrichshafen. An diesem Spätsommertag hat die Messesaison ein paar Wochen Pause – so wirkt das Gelände, auf dem sich sonst tausende Besucher tummeln, auf den ersten Blick menschenleer. Doch in Halle B2 ist das anders. Hier steht, fix und fertig aufgebaut, ein komplettes mobiles Feldhospital auf einer Fläche von 60 x 60 Metern, konzipiert und hergestellt von Rheinmetall Mobile Systeme mit Sitz im nahe gelegenen Meckenbeuren. Es herrscht rege Betriebsamkeit, Soldatinnen und Soldaten sind in der Halle und wirken sehr beschäftigt. Sie tragen ukrainische Uniformen.

Der Einsatz steht unmittelbar bevor

Alexander Lutz, 51, ist Vertriebsleiter bei Rheinmetall in Meckenbeuren und hat schon an die 20 mobilen Hospitäler bis zur Übergabe begleitet. Der studierte Betriebswirt ist seit 2005, also weit vor der Übernahme der dortigen Gesellschaft durch Rheinmetall (siehe Kasten), im Unternehmen. Mit seinem Fachwissen könnte er ohne weiteres auch als Ingenieur oder Medizintechniker durchgehen. Bei dem Ukraine-Projekt war er von Anfang an dabei: „Im konkreten Fall bedeutete die Planung neun Monate intensive Arbeit für unser Team“. Im September 2022 erhielt Rheinmetall den Lieferauftrag für das mobile Feldhospital vom ukrainischen Verteidigungsministerium. Es war klar: Das Hospital wird unmittelbar nach Auslieferung zum Einsatz kommen.

Der Anblick ist beeindruckend. Hier gibt es alles, was auch ein fest gebautes Krankenhaus leisten kann: 32 stationäre Betten, davon acht Intensivbetten, Operationssaal, Computertomographie, Labor, Sterilisation und Medikamentenlager. Dazu kommen Zelte für Verwaltung, OP-Vorbereitung, Warteraum und Unterbringung des Personals. Auch Versorgungscontainer für Sanitäranlagen, Transport, Frisch- und Brauchwasser, medizinische Gase und Energieversorgung fehlen nicht. Die Wassernetze sind beheizt, damit die Leitungen bei Minusgraden nicht einfrieren – die Experten von Rheinmetall haben wirklich bis ins kleinste Detail geplant. Alexander Lutz: „Wir bringen die Medizin zu den Menschen.“

Das Rote Kreuz ist eine Zielscheibe

Doch zwei weitere Dinge unterscheiden das Rheinmetall-Hospital von einem Krankenhaus, wie wir es kennen: Das Dekontaminationszelt, falls Kontakt mit CBRN-Gefahrstoffen besteht (chemische, biologische, radiologische und nukleare Stoffe) und der Triageraum. In der Corona-Pandemie wurde auch in Deutschland viel über die Triage, die Selektion der Patienten nach Schwere ihrer Krankheit beziehungsweise ihrer Verletzungen, gesprochen. Doch an der ukrainischen Front, wo dieses Hospital gebraucht wird, erfährt der Begriff eine ganz andere Bedeutung. Besonders perfide erscheint auch der Grund dafür, dass hier auf die Embleme mit dem Roten Kreuz, die im Normalfall so groß wie möglich auf medizinischen Einrichtungen platziert werden, verzichtet werden kann. Für die Russen sei ein Rotes Kreuz erst recht ein Angriffsziel, so die Ukrainer. Wie bitter.

Der vereinbarte Zielort für die Übergabe brachte weitere Planungsschritte mit sich. Die sonst übliche Vorgehensweise, das Objekt direkt an den Kunden zu liefern, inklusive Vor-Ort-Training durch ein Rheinmetall-Team, kam nicht in Frage. So wurde die Messehalle in Friedrichshafen angemietet und ein Team aus der Ukraine zur Schulung nach Deutschland geflogen. Für den Geschäftsführer der Rheinmetall Mobile Systeme GmbH, Hauke Bindzus, 35, war es die beste Lösung: „Durch den überdachten und eingegrenzten Raum konnten wir auch die Sicherheit gewährleisten, die bei solch einer Aufgabe unabdingbar ist.“ Die zehn Soldatinnen und Soldaten waren zum Teil im unmittelbaren Fronteinsatz und bekamen erst kurz vor ihrer Abreise den entsprechenden Auftrag zur Schulung in Deutschland.

Besprechung am Objekt: Die Ukrainer machen sich mit der hochmodernen medizintechnischen Ausrüstung des mobilen Hospitals vertraut.

Marcel Freivogel, 32, war als Projektleiter bei Rheinmetall Hauptansprechpartner für die Ukrainer. „Es war schon eine besondere Herausforderung“, sagt der Medizintechnik-Ingenieur und ausgebildete Rettungssanitäter. „Bis zum Eintreffen wussten wir ja nicht, mit welchem Ausbildungsstand und in welcher Verfassung das ukrainische Team zu uns kommen wird.“ Doch diese Sorge erwies sich als unbegründet. Die eine Hälfte der Soldatinnen und Soldaten hatte eine technische, die andere Hälfte eine medizinische Ausbildung im Gepäck. Dolmetscher halfen, die sprachlichen Barrieren zu überwinden. „Wir waren mehr als positiv überrascht – von den Vorkenntnissen, aber vor allem auch von der Motivation“, so Freivogel. Das ukrainische Team wurde während seines 14-tägigen Aufenthalts in Hotels untergebracht. Und auch nach Feierabend wurde sich noch um die ukrainischen Gäste gekümmert – Ehrensache!

Eine ukrainische Soldatin wird von einem Rheinmetall-Mitarbeiter im mobilen Feldhospital geschult. Die Zusammenarbeit der beiden Teams war freundschaftlich und hoch professionell.

Auch Experten der Herstellerfirmen sind zur Einweisung vor Ort.

Rheinmetall Mobile Systeme GmbH

Standort: Meckenbeuren

Vorsitzender der Geschäftsführung: Hauke H. Bindzus

Die Rheinmetall Mobile Systeme GmbH gehörte bis zur Übernahme von Rheinmetall im Jahr 2021 einem privaten Mehrheitsgesellschafter und firmierte bis zum Juli 2023 noch unter dem Namen Zeppelin Mobile Systeme GmbH, was auf die ursprüngliche Zugehörigkeit zum Zeppelin-Konzern hinwies.

Bei Rheinmetall ist das Unternehmen von der Rheinmetall Project Solutions GmbH, in der die Ressourcen und Fähigkeiten von Rheinmetall rund um Dienstleistungen für Streit- und Sicherheitskräfte gebündelt sind, akquiriert worden.

Das Unternehmen arbeitet vornehmlich in zwei Bereichen: Mobile medizinische Versorgungseinrichtungen und kundenspezifische Mobilitätslösungen, die als mobile Kommunikationssysteme (Radarsysteme, Bodenkontrollstationen für Drohnen/UAVs oder Gefechtsstände) sowie als Versorgungssysteme für Infrastrukturbedarfe wie Strom, Wasser, Küche und Sanitär eingesetzt werden.

Alles muss in die Container

So begann in Friedrichshafen der Aufbau des Hospitals. Dies war der „einfachere“ Part. „Der Abbau ist komplizierter“, sagt Alexander Lutz. Es musste schließlich alles wieder trocken und sauber verpackt werden und vor allem so, dass alles wieder in die Container passt. Das mobile Hospital für die Ukraine, in insgesamt 20 Containern, wird von zehn Lkw mit Anhängern transportiert.

Die Zelte sind aufblasbar, die Container, auch Shelter genannt, sind zum Teil mit einer Auszug-Technik versehen, das heißt, beim Transport sehen sie aus wie normale Container, beim Aufbau können die Seiten ausgefahren werden, so dass mehr Raum etwa im OP-Bereich oder im Labor entsteht. Jeder einzelne Part des Hospitals ist hinsichtlich Funktion und Transportfähigkeit durchdacht. Die Betten müssen klapp- und stapelbar sein. „Wir sind im Raumgefüge eingeschränkt. Der OP hat zum Beispiel bei uns nur eine Höhe von 2,20 Meter. Danach muss ich die Geräte ausrichten“, weiß Alexander Lutz. Diese kommen hier zum Großteil von Partnern wie Siemens Healthineers oder anderen namhaften Medizintechnikherstellern.

Alexander Lutz, Vertriebsleiter bei der Rheinmetall Mobile Systeme GmbH, hat mit seinem Team monatelang das Großprojekt geplant und vorbereitet.

Alle Geräte, auch der hoch empfindliche und gleichzeitig überaus schwere Computertomograph, müssen so transportiert werden, dass kein Schaden entsteht. Das Hospital ist dafür ausgelegt, See-, Luft- und Landwege zu überstehen und in ein vergleichsweise geringes Transportvolumen zerlegt werden zu können. „Jeglicher mobiler Arbeitsraum im Feld wird von Rheinmetall Mobile Systeme geliefert“, sagt Hauke Bindzus. „Die zugehörigen Einzelteile kann jeder einkaufen“, so der Geschäftsführer weiter, „aber sie in ein sinnvolles Gesamtsystem zu konfigurieren, das ist unsere Spezialität“.

Mobile Feldlazarette, wie das für die Ukraine, bestehen aus einer Vielzahl an Komponenten unterschiedlicher Hersteller. Diese zu einem sinnvollen Gesamtsystem zu konfigurieren, ist aus Sicht des Geschäftsführers Hauke H. Bindzus die Spezialität der Rheinmetall Mobile Systeme.

Hier entstand eine wertvolle Verbindung

Und das macht das Rheinmetall-Team wohl außergewöhnlich gut – auch nach Meinung der ukrainischen Soldatinnen und Soldaten. „Die Auswahl der Geräte ist enorm. Und als Mediziner kann ich sagen, dass hier alles sehr durchdacht ist.“ Die lobenden Worte kommen von Artem Kovalenko (Name geändert). Der Anästhesist im Range eines Hauptmanns ist der ranghöchste Soldat der ukrainischen Delegation. Bisher arbeitete er in einem Hospital in der Nähe von Saporischja. Über den Krieg selbst möchte er nicht sprechen. Lieber über das Teamwork und die Gastfreundschaft von Rheinmetall: „Wir haben uns vom ersten Moment an willkommen gefühlt. Und wir haben die deutsche Gründlichkeit und Organisation sehr zu schätzen gelernt“. Und er fügt hinzu: „Ja, wir sind aus anderen Verhältnissen gekommen. Ich habe diese einmalige Erfahrung gemacht und sehr viel gelernt. Aber gerade deswegen gehe ich gerne wieder in meine Heimat zurück.“

Inzwischen ist der Konvoi mit dem mobilen Hospital längst an seinem Zielort angekommen. Wo es genau eingesetzt wird, weiß nur die ukrainische Militärführung. Und auch die Soldatinnen und Soldaten sind zurückgekehrt. Der Gedanke, dass die liebgewonnenen Gäste vom sicheren Deutschland an die ostukrainische Front zurückgekehrt sind, hinterlässt bei Hauke Bindzus, Alexander Lutz, Marcel Freivogel und dem gesamten Rheinmetall-Team einen Kloß im Hals. Doch sie wissen auch, dass sie ihren Teil dazu beigetragen haben, dass nun viele Menschen dort so gut wie möglich medizinisch versorgt werden.

Aus Sicherheitsgründen sind die Namen und Bilder der ukrainischen Militärangehörigen unkenntlich gemacht.

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