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Zeitenwende im Kopf

23. Juni 2026 - von Timo Graf

Von der einstigen „Zivilmacht“ zur stärksten konventionellen Militärmacht Europas: Deutschlands verteidigungspolitische Zeitenwende stößt in der Bevölkerung auf breite Zustimmung. Wie ist dieser gesellschaftliche Zuspruch zu erklären, wenn doch die meisten Deutschen angeblich Pazifisten sind?

Umdenken

Europa rüstet auf. Allen voran Deutschland. Um die von der NATO geforderten 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erreichen, soll der deutsche ­Verteidigungshaushalt bis 2029 auf über 150 Milliarden Euro ­steigen. Was nach finanzpolitischer Kehrtwende klingt, ist die Reaktion auf eine ernste Lage. NATO-General­sekretär Mark Rutte warnt eindringlich: ­Russland könnte innerhalb von fünf Jahren militärische Gewalt gegen die NATO anwenden. Die Konsequenz: Verteidigung muss neu gedacht ­werden – als Daseinsvorsorge. So selbstverständlich wie die Versorgung mit Wasser oder Energie gehört die Sicher­heit der Nation und ihrer Bevölkerung zu den grundlegenden Auf­gaben eines Staates: flächendeckend, ­resilient, technologisch souverän und mit der nötigen Truppenstärke.

Verteidigung als industriepolitische Chance

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(Foto: picture alliance / REUTERS | Fabian Bimmer)

Militärisch notwendig, ökonomisch sinnvoll: Die massiven Investitionen in Verteidigung eröffnen Wachstum für die europäische Industrie und strukturelle Impulse für Regionen. Moderne Rüstung ist Hightech, viele Zulieferunternehmen sind involviert. Dual-Use-Technologien, die sich militärisch und zivil nutzen lassen, gelten als zusätzlicher Motor für Innovation und die strategische Autonomie ganzer Volkswirtschaften. Die Chancen für Europa stehen gut, das technologische Know-how ist vorhanden. Gleichzeitig findet ein Mentalitätswandel statt: Kunden, Investoren und Arbeitnehmer sehen in der Verteidigung zunehmend einen positiv bewerteten und zukunftsfähigen Sektor.

Mehr Europäische Souveränität

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(Foto: picture alliance/dpa | Michael Matthey)

Das Potenzial einer integrierten europäischen Verteidigung ist enorm. Koordinierte Beschaffung steigert die Stückzahlen und schafft Raum für den Ausbau der notwendigen Produktionskapazitäten. Weniger Bürokratie und mehr gemeinsame Forschung stärken die Rüstungsindustrie nachhaltig. Ein Vorzeigeprojekt ist das deutsch-französische Panzerprogramm Main Ground Combat System. Das Landkampfsystem der Zukunft, das Rheinmetall gemeinsam mit Thales und KNDS entwickelt, soll 2040 an den Start gehen. Politische Rückendeckung erhielt Rheinmetall-CEO Armin Papperger von Verteidigungsminister Boris Pistorius und seinem damaligen französischen Amtskollegen und heutigen Premierminister Sébastien Lecornu bei deren Besuch im Juli 2025 in Unterlüß.

Modernisierung des Wehrdienstes

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(Foto: picture alliance / akg-images | Stefan Trappe)

Entscheidend für die Verteidigungsfähigkeit eines Landes ist neben der Aufrüstung die personelle Stärke der Streitkräfte. Frankreich will seine Armee durch einen neuen Freiwilligendienst aufstocken. Deutschland hat unlängst seinen Wehrdienst reformiert. Zumindest besteht hierzulande laut der jährlichen Bevölkerungsumfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr kein Mangel an „freiwilligen Kämpferinnen und Kämpfern“: Allein in der Gruppe der 20–40-­Jährigen bekunden 54 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen ihre persönliche Verteidigungsbereitschaft. In absoluten Zahlen entspräche das gemäß Zensus mehr als fünf Millionen Männern und mehr als zwei Millionen Frauen.

Seit Russlands Vollinvasion der Ukraine im Jahr 2022 ist der Krieg zurück in Europa. Längst bedroht er auch unmittelbar Deutschlands Sicherheit. Eigentlich galt dieses Schreckensszenario mit dem Ende des Kalten Krieges als überwunden. Der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehegte Wunsch nach „Nie wieder Krieg“ und die Hoffnung, „Frieden ohne Waffen“ schaffen zu können, schienen endlich in Erfüllung zu gehen. Westliche Eliten glaubten an Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ und Deutschland rüstete ab.

Nach dreißig Jahren Frieden in Europa, in denen selbst der „Global War on Terror“ nach dem 11. September 2001 große Teile der Bevölkerung kaum interessierte, folgt die Ernüchterung. Der von Russland provozierte Epochenbruch zwingt Deutschland zu einer Kehrtwende in der Verteidigungspolitik: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden“, betont Bundeskanzler Friedrich Merz im Herbst 2025. Die einstige „Zivilmacht“ macht sich auf den Weg, zu Europas stärkster konventioneller Militärmacht zu werden.

Dass dieser Kurswechsel großen Zuspruch in der Bevölkerung erfährt, überrascht viele Akteure in den Medien, der Politik und der Wissenschaft. Schließlich gelten die Deutschen als Pazifisten. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: Das sicherheitspolitische Denken der Mehrheit ist von Pragmatismus geprägt und nicht von ideologischen Leitplanken eingeengt. Der verteidigungspolitische Wandel wird von einer „Zeitenwende in den Köpfen“ begleitet. Die Mehrheit hat verstanden, dass Freiheit in Frieden verteidigt werden muss – zur Not auch mit Waffen.

Vom Scheckheft zum Einsatzbefehl

Mit dem Ende des Kalten Krieges sah sich Deutschland „nur noch von Freunden umgeben“. Viele in Politik und Gesellschaft bestärkte dies in ihrer Meinung, die Streitkräfte abzurüsten und die hierdurch entstandene „Friedensdividende“ für andere Ressorts bereitzustellen. Seine außenpolitische Rolle definierte Deutschland fortan als „Zivilmacht“. Verantwortung für internationale Sicherheit übernahm die Bundesrepublik vorrangig durch finanzielle Wirtschafts- und Entwicklungshilfen und weniger durch militärisches Engagement – getreu dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“. Doch diese „Scheckheft-Diplo­matie“ bot keine nachhaltige Lösung. Bündnispolitische Verpflichtungen und der Wunsch nach globaler Mitwirkung transformierten die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zu einem flexibel einsetzbaren Instrument deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Weltweit leistete sie ihren Beitrag in zahlreichen Krisen- und Stabilisierungseinsätzen.

Dass Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt würde, wie es der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck 2002 formulierte, erschloss sich jedoch nicht allen. Auch in der Bundeswehr selbst wurden Sinn und Legitimation der Missionen kritisch hinterfragt – zumindest in der Retrospektive. So heißt es im 2023 veröffentlichten Handbuch Innere Führung: „Die politischen Entscheidungsträger haben aufgrund von fehlender Strategie und in der Annahme einer militärkritischen Gesellschaft die Einsatzziele oft verharmlost und beschönigt. […] Die Begründung und Legitimierung von Auslandseinsätzen wurden oftmals als nicht so ausreichend empfunden, um daraus einen nachhaltigen Sinn abzuleiten.“

In der Folgezeit stießen die Auslandseinsätze auf eine überwiegend kritische öffentliche Meinung. Vertreter aus Politik und Bundeswehr deuteten diese Haltung jedoch nicht als Kritik am politischen Auftrag der Streitkräfte, sondern als Ausdruck einer grundsätzlich militärkritischen Einstellung der deutschen Gesellschaft. Als Erklärung für die „wachsende Kluft“ zwischen Zivilgesellschaft und Einsatzarmee wurde dabei oft und gerne der angeblich pazifistische und postheroische Charakter der deutschen Bevölkerung bemüht.

Die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 und die fortschreitende Verkleinerung der Streitkräfte verstärkten diese Wahrnehmung zusätzlich. Dabei wurde jedoch übersehen, dass seit dem Jahr 2000 stets mindestens drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger eine positive Haltung zur Bundeswehr bekundeten. Bereits lange vor 2022 stand eine große Mehrheit der Bevölkerung hinter den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr – nur eben nicht hinter jedem „war of choice“, in den sie von Regierung und Parlament geschickt wurden.

Wars of Choice

sind militärische Einsätze, die auf politischen Entscheidungen beruhen – etwa Missionen zur Stabilisierung oder Friedenssicherung außerhalb des eigenen Staatsgebietes. Im Gegensatz dazu stehen „wars of necessity“, die der unmittelbaren Landesverteidigung dienen. 

Zeitenwende in der Politik – und in den Köpfen

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Ära der „wars of choice“ beendet und eine Neuausrichtung der deutschen Verteidigungspolitik erzwungen. Anders als in der „Zwischen­kriegszeit“ von 1990 bis 2021 lässt sich die Sinnfrage „Wozu Streitkräfte?“ seit 2022 wieder klar beantworten: Verteidigung ist Daseinsvorsorge. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren wird die europäische und nationale Sicherheit wieder militärisch bedroht. Um Russlands militärische Aggression abzuschrecken, kehrt die Bundeswehr zur Landes- und Bündnisverteidigung als ihrem Hauptauftrag zurück. Damit sie diesen Auftrag vollumfänglich erfüllen kann, muss Deutschland seine Streitkräfte finanziell und personell massiv stärken.

Laut Einschätzung des ehemaligen Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, stand die Bundeswehr 2022 „mehr oder weniger blank da“. Zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit stellte die Bundesregierung unmittelbar nach Kriegsausbruch ein einmaliges Sondervermögen von 100 Milliarden Euro als „Anschubfinanzierung“ bereit. Seit 2025 setzt sie die Schuldenbremse des Grundgesetzes für Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben aus. Ferner beschleunigt Deutschland die Beschaffung neuer Ausrüstung und führte ab 2026 einen neuen freiwilligen Wehrdienst ein, der für Männer jedoch eine verpflichtende Wehrerfassung umfasst.

Diese verteidigungspolitische Zeitenwende mag einigen Analysten und Verantwortlichen nicht schnell genug vorankommen, doch ihre Tragweite ist keinesfalls zu unterschätzen: Deutschland will sich von der einstigen „Zivilmacht“ zur stärksten konventionellen Militärmacht Europas entwickeln – und die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger befürwortet diese Kehrtwende. Die Veränderungen im verteidigungspolitischen Meinungsbild seit 2022 sind so gravierend, dass von einer „Zeitenwende in den Köpfen“ gesprochen werden kann.

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(Foto: iStockphoto | Diy13)


Der öffentlichen Meinung auf der Spur

Wie denkt die Bevölkerung über aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Probleme? Wie beeinflussen diese den Alltag? Worüber sorgen sich die Menschen? Auf solche Fragen kann die Demoskopie aufschlussreiche datenbasierte Antworten liefern. Die Erfolgsgeschichte der modernen Meinungsforschung beginnt mit einer spektakulären Wette: 1936 kündigte der Sozialwissenschaftler George Gallup an, mit der Befragung von lediglich 2.000 Personen das Ergebnis der US-Präsident­schaftswahl präziser vorhersagen zu können als traditionelle Leserumfragen mit Millionen Teilnehmenden. Er behielt recht. Meinungsforschung ist populär wie nie. Nicht nur die Politik, sondern auch die Medien und die Wirtschaft lieben die mitunter vermeintliche Sicherheit der Zahlen. Doch Umfrage ist nicht gleich Umfrage. Erhebungen ohne wissenschaftliche Basis nehmen insbesondere in den sozialen Medien stark zu. Suggestive Fragen zielen auf Stimmungsmache. Um belastbare Ergebnisse über die Einstellungen der befragten Menschen zu erhalten, braucht es methodische Sorgfalt: Eine echte Zufallsstichprobe, die möglichst repräsentativ für die Grundgesamtheit steht, ist ebenso erforderlich wie ein valider Fragebogen ohne manipulierende Formulierungen. Die Verantwortung der Demoskopen ist groß, die Qualität ihrer Umfragen umso wichtiger. Insbesondere bei gesellschaftsrelevanten und mitunter kontrovers diskutierten Themen wie der Verteidigung. Wertvolle Erkenntnisse über die Zeitenwende im Kopf liefert die jährliche Bevölkerungsumfrage des Zentrums für Militär­geschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr.

Mentalitätswandel in Zahlen

Seit 1996 führt das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) jährlich eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zum Verhältnis der Gesellschaft zur Bundeswehr durch. Laut der jüngsten Ausgabe vom September 2025 sehen zwei Drittel der Menschen hierzulande aktuell in Russland eine Gefahr für Deutschlands Sicherheit, annähernd die Hälfte fühlt sich durch Krieg in Europa persönlich bedroht. Zum Vergleich: Vor 2022 erkannte nur ein Drittel in Russland eine Bedrohung und lediglich 15 Prozent fühlten sich von Krieg in Europa betroffen. In der aktuellen Lage sprechen sich zudem zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger für eine finanzielle und personelle Stärkung der Bundeswehr aus – mehr als jemals zuvor. Der Zuspruch zur Verteidigung der NATO-Ostflanke ist seit 2022 ebenfalls sprunghaft gestiegen. Eine absolute Mehrheit plädiert für die Einführung eines neuen Wehrdienstes. Und nicht nur das. In der am stärksten davon betroffenen Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen würden 45 Prozent der Männer das Land im Falle eines militärischen Angriffs selbst mit der Waffe verteidigen.

Mehrheitlicher Konsens

Die jüngste Umfrage zeigt es deutlich: Insbesondere die Stärkung der Bundeswehr und somit der nationalen Verteidigungsfähigkeit ist gesamtgesellschaftlicher Konsens. Sie wird in allen Teilgruppen der deutschen Bevölkerung von einer absoluten Mehrheit befürwortet – unabhängig vom Geschlecht, Alter, Bildungsniveau, Einkommen, Migrationshintergrund oder der Parteipräferenz der Befragten. Weniger als 10 Prozent sprechen sich für eine Verringerung der Verteidigungsausgaben und des Personalumfangs der Bundeswehr aus, während jeweils ein Viertel für ein gleichbleibendes Niveau plädiert. Die deutsche Bevölkerung fordert nicht mehr und nicht weniger, als im Grundgesetz verankert ist: Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.

Trotz Sparzwang: Sicherheit vor Sozialleistungen

Auch finanziell betrachtet genießt die Verteidigung innerhalb der Bevölkerung eine hohe Priorität: 67 Prozent unterstützen eine Erhöhung des Verteidigungsetats – trotz begrenztem Staatshaushalt. Militärische Sicherheit rangiert damit vor Renten (62 Prozent), Digitalisierung (62 Prozent), Wirtschafts- und Industrieförderung (52 Prozent), Umweltschutz (41 Prozent), Entwicklungshilfe (23 Prozent) und Arbeitslosenunterstützung (19 Prozent). Mit anderen Worten: Die meisten Bürgerinnen und Bürger sehen in den letztgenannten Bereichen mehr Spielraum für Einsparungen als in der Sicherheit ihres Landes.

Wahrnehmung militärischer Bedrohungen für die eigene Sicherheit

Wie die Bedrohungslage das Meinungsbild ändert

Der Wunsch der deutschen Bevölkerung nach einer Stärkung der nationalen Verteidigungsfähigkeit wird aktuell maßgeblich von der wahrgenommenen militärischen Gefahr durch Russland beeinflusst. Befragte, die Russland als Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands wahrnehmen, stimmen der Erhöhung der Verteidigungsausgaben und des militärischen Personals sehr viel stärker zu (73 Prozent) als jene, die diese Gefahr nicht sehen (39 Prozent). Selbst wenn andere Faktoren wie die persönliche Einstellung zur Bundeswehr Berücksichtigung finden: Nichts prägt die öffentliche Zustimmung zur Stärkung der Streitkräfte mehr als die wahrgenommene Bedrohung durch Russland – und das mit Abstand.

Welche große Rolle die Bewertung geopolitischer Konflikte grundsätzlich für das Meinungsbild der Öffentlichkeit in puncto Verteidigung spielt, lässt sich auch anhand früherer Ereignisse erkennen: Sowohl 2001 nach den Terroranschlägen vom 11. September als auch zwischen 2014 und 2016 nach der russischen Annexion der Krim und dem Bürgerkrieg in Syrien stieg die öffentliche Zustimmung zur Stärkung der Bundeswehr sprunghaft an. Die Bevölkerung reagierte damit auf Veränderungen der sicherheitspolitischen Lage. Während 9/11 lediglich ein „Strohfeuer“ im sicherheitspolitischen Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger entfachte, erweist sich der seit 2014 und 2022 zu beobachtende Mentalitätswandel als nachhaltiger.

Die Deutschen ein Volk von Pazifisten?

Die zu beobachtende Zeitenwende im verteidigungspolitischen Meinungsbild ist einerseits absolut plausibel. Andererseits steht sie einer in Politik, Medien und Wissenschaft weitverbreiteten Annahme entgegen: Die Mehrheit der Deutschen seien Pazifisten. Interessanterweise teilen sowohl Befürworter als auch Gegner der verteidigungspolitischen Zeitenwende diese Überzeugung. Während den „Falken“ der aktuelle Mentalitätswandel hin zu mehr Wehrhaftigkeit nicht schnell genug geht, befürchten die „Tauben“ eine Abkehr vom Pazifismus und eine Militarisierung der deutschen Gesellschaft.

Das Narrativ über den „Pazifismus der Deutschen“ stützt sich auf einen soziologischen Forschungskonsens, der besagt: Die deutsche Bevölkerung sei eine postheroische Gesellschaft, die sich bewusst von ihrer Vergangenheit abgrenzt und infolgedessen militärische Mittel in der Außen- und Sicherheitspolitik ablehnt. Als Beleg dafür zitieren Wissenschaftler unter anderem die kritische öffentliche Meinung zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr, insbesondere zu jenem in Afghanistan. Allerdings zeigen empirische Untersuchungen, dass eine pazifistische Grundhaltung in diesem Zusammenhang kaum eine Rolle spielte. Vielmehr war die deutsche Bevölkerung überzeugt, dass der Einsatz am Hindukusch keine Aussicht auf Erfolg haben werde und ein zu großes Risiko für die eingesetzten deutschen Soldatinnen und Soldaten darstelle. Einschätzungen, die sich leider bewahrheiten sollten.

VERTEILUNG SICHERHEITSPOLITISCHER TYPEN IN DER DEUTSCHEN BEVÖLKERUNG

Realismus als Grundlage der sicherheitspolitischen Willensbildung

Richtig ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung grundsätzlich zivile Lösungen in der Außenpolitik bevorzugt. Das macht die Deutschen aber noch lange nicht zu einem Volk von Pazifisten. Denn die meisten Bürgerinnen und Bürger lehnen militärische Mittel nicht kategorisch ab. Um also ein objektives Meinungsbild der deutschen Gesellschaft zu erhalten, gilt es, deren grundlegende Haltung gegenüber beiden Optionen zu ermitteln. Pazifisten akzeptieren ausschließlich zivile Mittel (Zustimmung) und verurteilen kategorisch den Einsatz von Waffen (Ablehnung). Mit dieser Systematik lassen sie sich auch sehr viel besser gegenüber anderen außen- und sicherheitspolitischen Einstellungstypen abgrenzen – seien es die Realisten (Zustimmung/Zustimmung), die Isolationisten (Ablehnung/Ablehnung) oder Militaristen (Ablehnung/Zustimmung).

Übertragen auf die vorliegenden Bevölkerungsbefragungsdaten ergibt sich nun ein vollständig anderes Bild als das tradierte. Die Betrachtung der außen- und sicherheitspolitischen Grundhaltungen in der deutschen Bevölkerung im Zeitverlauf 2016–2025 zeigt: Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat seit 2022 in zweifacher Hinsicht nicht zu einer „Abkehr vom Pazifismus“ geführt. Erstens waren die meisten Deutschen bereits vor dem Ukraine-Krieg keine Pazifisten, sondern Realisten. Zweitens ist der Anteil der Pazifisten in der deutschen Bevölkerung auch nicht infolge des Kriegsausbruchs 2022 zurückgegangen, sondern bereits seit 2018 rückläufig. Weiterführende Untersuchungen belegen, dass der politische Realismus die dominante „Denkrichtung“ in allen soziodemografischen Gruppen und Wählergruppen in Deutschland ist – vor und nach Kriegsausbruch. Darüber hinaus gibt es auch keine empirische Evidenz für eine „Militarisierung im Denken“ der Deutschen. Die Gruppe der Militaristen stellte bereits vor dem Krieg eine Minderheit dar, die seit Kriegsausbruch nicht größer geworden ist. Das Gleiche gilt im Übrigen für die Gruppe der Isolationisten. Die Zeitenwende im verteidigungspolitischen Meinungsbild ist also vor allem damit zu erklären, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger Realisten beziehungsweise Pragmatiker sind. Sie richten ihre verteidigungspolitischen Einstellungen an den Erfordernissen der sicherheitspolitischen Lage aus und nicht an ideologischen Überzeugungen.

Weg von Phantomdebatten, gesellschaftlichen Konsens anerkennen

Die empirischen Befunde machen klar: Die aktuell in Politik und Medien mitunter hitzig geführte Debatte über die erhoffte oder befürchtete „Abkehr vom Pazifismus“ ist eine Phantomdebatte. Denn ihre Grundannahmen halten einer genauen empirischen Überprüfung nicht stand. Die Deutschen waren bereits vor dem Ukraine-Krieg mehrheitlich keine Pazifisten, sondern Realisten. Sie unterstützen die aktuelle verteidigungspolitische Kehrtwende, weil sie in Russland eine Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands sehen. In Anbetracht der tatsächlichen militärischen Bedrohung durch Russland sollte dieser legitime Wunsch nach einer Stärkung der nationalen Verteidigungsfähigkeit jedenfalls nicht als „Militarisierung im Denken“ der Bevölkerung diskreditiert werden. Gleichsam unnötig erscheinen dadurch weiterführende Forderungen nach einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Mentalitätswandel. Auch der Militärhistoriker Sönke Neitzel vertritt diese Auffassung. Seiner Einschätzung nach „[…] wisse die Gesellschaft viel besser, was die Stunde geschlagen habe, als die Politiker denken“.

Verteidigung als Daseinsvorsorge

Der große gesellschaftliche Zuspruch zur verteidigungspolitischen Zeitenwende ist ein klares Mandat an die Politik, Verteidigung wieder als Daseinsvorsorge zu begreifen und den Schutz der Bevölkerung gegen militärische Bedrohungen zu gewährleisten. Das ist der Konsens, auf den sich eine klare Mehrheit in allen Bevölkerungsgruppen einigen kann. Die allgemeine Anerkennung dieses gesamtgesellschaftlichen Konsenses seitens Politik und Medien ist wichtig, denn er widerspricht dem Narrativ einer gesellschaftlichen Polarisierung und stiftet Vertrauen in den Zusammenhalt der demokratischen Gemeinschaft. Es mag vielleicht ein paar echte „Kriegstreiber“ und auch zu viele „Putin-Versteher“ in Deutschland geben, aber sie repräsentieren keine Mehrheiten in der Bevölkerung und sollten deshalb auch nicht den öffentlichen und politischen Diskurs über die Verteidigung unserer Sicherheit und Freiheit bestimmen, egal wie medienwirksam sie sich inszenieren.

An der Debatte beteiligen sich aber auch viele Akteure, die es entweder versäumt haben oder bewusst ablehnen, ihre alten Weltbilder zu aktualisieren. Viele glauben noch immer, die Deutschen seien Pazifisten – der offenkundigen Zeitenwende im verteidigungspolitischen Meinungsbild zum Trotz. Als Deutschland „von Freunden umgeben“ war, konnte man sich eine solche Ignoranz und geistige Trägheit noch leisten.

Seit Russlands Vollinvasion der Ukraine ist das anders. Wer weiterhin glaubt, die Deutschen seien mehrheitlich Pazifisten, läuft Gefahr, eine Politik der „Selbstabschreckung“ zu betreiben anstelle einer effektiven Verteidigungspolitik, wie sie eine klare Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger fordert. Umgekehrt gilt: Alles andere als eine entschlossene Fortführung der verteidigungspolitischen Zeitenwende birgt das Risiko eines Vertrauensverlustes vieler Bürgerinnen und Bürger in einen handlungsfähigen Staat und eine wehrhafte Demokratie.

Die ZMSBw-Bevölkerungsumfrage 2025 mit dem Titel „Deutschland in der militärischen Führungsrolle?“ ist online hier zu finden.


Autor

Timo Graf

ist Militärsoziologe am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam und Leiter der jährlichen ZMSBw-Bevölkerungsbefragung.

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