Gute Frage
1. Juli 2026
2. Oktober 2026
Weltweit steht der Oktober im Zeichen der Brustkrebsprävention. In diesem Jahr beteiligt sich Rheinmetall erstmals offiziell an der internationalen Aufklärungskampagne. Die beiden Mitarbeiterinnen Eva-Maria Villnow und Julia Stump erzählen, wie die Diagnose ihr Leben schlagartig veränderte. Ein Gespräch über Angst, Stärke und die Schönheit der Narben.

Pink tragen, Wissen teilen, Leben retten
Statistisch gesehen erkrankt jede achte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Wird er früh erkannt, bestehen gute Heilungschancen. Der internationale Aktionsmonat Pinktober will das Thema Brustkrebs und die Bedeutung der Vorsorge stärker in den öffentlichen Fokus rücken. Die Aktionen informieren über Prävention, bekunden Solidarität mit den Betroffen und machen auf Angebote und Therapien aufmerksam.
Ihr habt Operation, Chemotherapie und Bestrahlung überstanden. Heute seid ihr beide krebsfrei. Die unmittelbaren körperlichen Belastungen gehören der Vergangenheit an. Doch wie geht ihr mit dem psychischen Druck und der bangen Frage um: Was geht in meinem Körper vor?
Julia Stump: Diese Frage wird man nicht los. Die physischen Strapazen liegt irgendwann hinter einem, die Haare wachsen nach, man sieht wieder normal aus und fühlt sich auch so. Aber die Unsicherheit bleibt: Was passiert gerade in meinem Körper? Eine Gewissheit werde ich für den Rest meines Lebens nicht haben. Diese gibt es aber grundsätzlich für niemanden von uns, auch ohne vorherige Krebserkrankung.
Eva-Maria Villnow: Ich hätte mir nie vorstellen können, durch welche Phasen man geht. Nach dem ersten Schock kommt der Überlebensmodus. Ich musste akzeptieren, dass man sich in einer völlig neuen Welt wiederfindet, sich neu orientieren und kämpfen muss. Erst einmal ging es darum, das erste Jahr zu überstehen. Danach beginnt eine Art Trauerbewältigung: die Akzeptanz der Erkrankung, des Kontrollverlusts und auch der Tatsache, dass das Vertrauen in den eigenen Körper nicht einfach mit dem Ende der Behandlung zurückkehrt. Was ich gelernt habe, ist genauer hinzuhören, ohne jedes Signal meines Körpers sofort als Bedrohung zu verstehen. Niemand kann dankbar für solch eine Erkrankung sein. Und doch spüre ich Dankbarkeit für jeden neuen Tag. Ich gehe anders ins Erleben, bewusster und mit einer noch größeren Wertschätzung für das, was da ist.
Dankbarkeit ist nicht unbedingt ein Wort, das sich im Zusammenhang mit Krebs sofort aufdrängt.
Julia Stump: Ich unterschreibe alles, was du gesagt hast. Jeder kennt das glaube ich: Rückschläge passieren. Man fällt hin, steht auf, richtet die Krone und macht weiter. Doch plötzlich ist man vollkommen fremdgesteuert, abhängig davon, dass Ärzte die richtigen Entscheidungen treffen und die Therapie anschlägt. Man erkennt, wie wenig man oft wirklich selbst in der Hand hat. Durch die Erkrankung hat sich mein Blick für die wichtigen Dinge im Leben deutlich geschärft. Dafür bin ich dankbar, und für mein Leben 2.0.

Narben aus Gold
Bruchstellen nicht kaschieren, sondern vergolden: Die japanische Reparaturkunst Kintsugi fügt zerbrochene Keramik mit Goldlack zusammen. Für Eva-Maria Villnow und Julia Stump ist das eine Metapher für das Leben. Die Risse gehören zur eigenen Geschichte. Sie sind Ausdruck von Stärke und Schwäche und zeigen die Schönheit des Unvollkommenen.
Inwiefern hat sich die Erkrankung auf eure Lebenseinstellung ausgewirkt?
Eva-Maria Villnow: Ich versuche das Leben so zu nehmen, wie es ist. Mit allem, was dazugehört – auch mit den Bruchstellen. In Japan gibt es die Kunst des Kintsugi. Statt zerbrochene Keramik wegzuwerfen, werden die einzelnen Stücke wieder zusammengesetzt und die Fugen ästhetisch mit Gold hervorgehoben. Die Reparatur macht das Zerbrochene nicht ungeschehen, verleiht ihm aber eine neue Bedeutung und eine ganz eigene Schönheit. Mit dieser Haltung betrachte ich mein Leben. Die Erkrankung gehört zu meiner Geschichte. Auch wenn ich sie nicht als Geschenk bezeichnen würde, hat sie Spuren hinterlassen und meinen Blick auf das Leben verändert. Ich versuche nicht, gegen diese Unvollkommenheit anzukämpfen, sondern auch das Schöne und Wertvolle darin zu sehen. Besonders dort, wo das Leben nicht so verlief, wie ich es mir vorgestellt habe.
Julia Stump: Unsere Risse und Brüche gehören zu uns und dürfen sichtbar sein. Der Schock der Diagnose saß tief, aber meine lebensbejahende Einstellung war entscheidend, um gut durch die Behandlung zu kommen. Mein Mann und meine Kinder waren dabei gleichermaßen meine größte Stütze und mein größter Antrieb.
Habt ihr eine andere Sicht auf euer Arbeitsleben gewonnen?
Eva-Maria Villnow: Ja, ich bin dankbar, in einem Team zu arbeiten, das in schwierigen Zeiten füreinander da ist und sich gegenseitig stärkt. Diese Verbundenheit gibt mir sehr viel. Und ich sehe heute klarer, was Arbeit mir bedeutet und wie wichtig mir Sinnhaftigkeit ist. Ich möchte etwas bewirken, etwas zurückgeben und wo könnte das besser gelingen als im Betrieblichen Gesundheitsmanagement.
Wie ist dein Team mit der Diagnose umgegangen? Wie hat deine Führungskraft reagiert?
Julia Stump: Ich hatte von Anfang an den Wunsch, weiterzuarbeiten und das habe ich tatsächlich auch geschafft. Meine Führungskraft und auch meine Kollegen und Kolleginnen standen immer hinter mir. Die Arbeit hat mir sehr viel Halt und Struktur gegeben und auch eine Sinnhaftigkeit.


Hattet ihr das Gefühl, dass Menschen unsicher reagieren? Ist Brustkrebs aus eurer Sicht noch immer mit Scham oder Berührungsängsten verbunden?
Julia Stump: Ja, für viele ist das Thema immer noch ein Tabu. Wer andere mit der Erkrankung konfrontiert, löst viel aus. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Menschen, die mir nah stehen, zum Weinen gebracht. Für mich war es kein Tabu, darüber zu sprechen, im Gegenteil: Der offene Umgang hat mir sehr geholfen. Trotzdem ist Krebs noch immer mit Scham behaftet. Das finde ich völlig unverständlich.

Julia Stump
45, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und voller kölschem Lebensmut. Als sie 2025 die Diagnose erhielt, war sie erst wenige Monate zuvor ins Nachhaltigkeitsteam von Rheinmetall gewechselt. Nach Chemotherapie, Operation und Bestrahlung ist sie heute krebsfrei, muss sich aber regelmäßig Nachsorgeuntersuchungen unterziehen. Julia Stump schaut mit einer positiven Einstellung nach vorn. Kraft findet sie bei ihrer Familie und Freunden.

Eva-Maria Villnow
arbeitet seit 14 Jahren bei Rheinmetall Electronics in Bremen. 2021 erkrankte sie an Brustkrebs. Nach Operation, Chemotherapie, Bestrahlung und weiterer Therapie ist sie heute tumorfrei und weiterhin in regelmäßiger Nachsorge. Kraft schöpft sie aus der Nähe zu ihren beiden Töchtern und engen Freundinnen sowie aus der Verbundenheit mit der Natur. Die Erfahrungen mit ihrer Erkrankung haben ihren Blick dafür geschärft, wie wichtig menschliche Nähe, Zugehörigkeit und Unterstützung in schwierigen Lebensphasen sind.
Was hat dich durch diese Zeit der Unsicherheit getragen und dir geholfen, mit der Angst, es nicht zu schaffen, zurechtzukommen?
Eva-Maria Villnow: Bei mir waren das vor allem meine Töchter, meine Freundinnen, mein Hund und die Natur. Geblieben ist bis heute der Wunsch, jeden Tag neue Momente zu schaffen, in denen ich mich lebendig fühle: zu reisen, Menschen zu begegnen, Sprachen zu lernen und immer wieder Neues zu entdecken. Alles, was mich mit dem Leben und den Menschen um mich herum verbindet.
Welche Unterstützung habt bei Rheinmetall gefunden? Gab es für euch ein Netzwerk oder konkrete Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner im Unternehmen?
Julia Stump: Neben meiner Führungskraft, die mich sehr empathisch begleitet hat, war der Viva Familienservice eine wichtige Anlaufstelle. Dort gibt es Hilfe in vielen Lebenslagen, etwa bei Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder einer Krebserkrankung. Auch das Angebot, sich an die betrieblichen Sozialberater zu wenden, habe ich als sehr positiv erlebt.
Viele schweigen aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Wie findet man die richtigen Worte?
Eva-Maria Villnow: Wenn wir einem Menschen mit einer Krebserkrankung begegnen, spüren wir manchmal auch unserer eigene Unsicherheit. Im Umgang mit schweren Erkrankungen und dem Sterben sind wir häufig nicht geübt. Manche halten das nicht aus und ziehen sich zurück. Umso wichtiger sind die, die bleiben. Niemand muss die perfekten Worte finden. Aufeinander zuzugehen, ist ein guter Anfang. Sei mutig, klopf an und sag: „Ich bin da.“
Julia Stump: Eine Freundin hat mir an jedem Tag meiner Chemotherapie kurze aufmunternde Nachrichten auf einen pinken Zettel geschrieben und mir davon ein Foto geschickt. Für Außenstehende sind das nur kleine Aufmerksamkeiten, für Betroffene bedeuten sie die Welt. Fragt einfach nach: Was brauchst du? Was kann ich tun? Und wenn Worte fehlen, bringt eine Lasagne vorbei.
Ihr hattet Angst um euer Leben und habt euch Sorgen gemacht, wie es mit euren Familien weitergeht. Wie habt ihr es geschafft, dass diese Angst nicht die Oberhand gewinnt?
Julia Stump: Selbstverständlich hatte ich Angst um mein Leben. Aber noch viel größer war die Angst um meine Kinder. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, in jungen Jahren einen Elternteil zu verlieren. Aufgeben war daher nie eine Option. Nach meiner Diagnose bin ich direkt in den Kampfmodus gewechselt. Der größte Feind ist das eigene Kopfkino. Deshalb ist es so wichtig, die Gedankenspiralen zu durchbrechen.
Eva-Maria Villnow: Ich bin nicht stärker als andere. Ich habe nur einen Weg gefunden, mit der Erkrankung umzugehen und das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Ich freue mich über jeden neuen Tag. Sich dem Leben mutig zu stellen, bedeutet eben auch, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen – dem eigenen oder dem anderer Menschen. Das kann schmerzhaft oder beängstigend sein. Und manchmal schafft man das nicht allein. Dann ist es wichtig, die Hilfsangebote anzunehmen, die es gibt.
Ihr habt beide Extremsituationen erlebt, die euch verändert und eure Stärken noch deutlicher hervorgebracht haben. Welche Lehren zieht ihr daraus – auch für Menschen, die nicht erkrankt sind? Habt ihr alltagstaugliche Tipps?
Julia Stump: Das Leben ist zu kurz, um keine Freude daran zu haben. Ich genieße es jeden Tag und schiebe nichts mehr auf. Einfach mal machen, es könnte gut werden. Außerdem rate ich immer: Hör auf dein Bauchgefühl. Wenn du spürst, dass etwas nicht stimmt, lass dich nicht abwimmeln und geh zur Vorsorge. Eva-Maria Villnow: Als die Kräfte wiederkamen, habe ich nichts ausgelassen und wollte so viel wie möglich erleben. Heute bin ich wählerischer und klarer in dem, was ich in meinem Leben haben möchte und was nicht. Ich entscheide schneller, bin spontaner und in vielem gelassener. Genießt das, was gerade da ist. Nicht erst irgendwann, wenn vermeintlich alles passt. Der Blick darauf ändert sich, wenn plötzlich eine Diagnose im Raum steht. Sorgt gut für euch und geht zu den Vorsorgeuntersuchungen! Vieles im Leben haben wir nicht in der Hand, aber wir können beeinflussen, wie wir damit umgehen. Und vergesst nicht: Es gibt viele Wege, einem Menschen zu zeigen, dass er wichtig ist. Am Ende erinnern wir uns nicht an jedes Wort. Aber daran, wer geblieben ist.
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