SicherheitInternationalPolitikSchwerpunkt

Europas ­schwieriger Weg zur Weltmacht

23. Juni 2026 - von Dr. Theodor Benien

Im Ringen um eine neue Weltordnung steht die EU oft in der Kritik, sie agiere zu zögerlich, zu zersplittert, zu kraftlos. Europa ist keine Supermacht wie die USA, Russland und China. Dennoch haben die europäischen Nationen das Potenzial, langfristig eine gewichtige Rolle auf der globalen Bühne zu spielen.

„Ein souveränes Europa ist unsere beste Antwort auf die neue Zeit. Europa zu einen und zu stärken, ist heute ­unsere vornehmste Aufgabe.“

Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Rede auf der Münchner ­Sicherheitskonferenz 2026

Damit aus diesem Wunsch Wirklichkeit wird, gilt es, zwei Mammutaufgaben zu bewältigen. Die Regierungen Europas sollten ihren politischen Integrationsprozess entschlossen vorantreiben, auf nationale Alleingänge verzichten und endlich zu einer wirklichen Einheit zusammenwachsen. Außerdem müssen sie nicht nur ihre politische und wirtschaftliche Macht weiter ausbauen, sondern auch ihre militärische Stärke – also die Fähigkeit zur eigenen Verteidigung.

Druck von allen Seiten

Der politische Druck auf Europa ist enorm und kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Erstens: Präsident Wladimir Putin will Russland wieder zu neuer, alter Größe führen und deshalb die Sicherheitsarchitektur in Europa verändern. Den Zusammenbruch der Sowjetunion betrachtet er als größte politische Katastrophe in der Geschichte seines Landes. Zweitens: China ist zugleich Partner und Wettbewerber. Als systemischer Rivale verfolgt die Volksrepublik einen deutlichen Expansionskurs und versucht, ihren Einfluss – auch auf Europa – zu erweitern. Drittens: US-Präsident Donald Trump rüttelt vehement an den bisherigen transatlantischen Spielregeln. Washington fordert, dass die Europäer mehr Verantwortung übernehmen und stärker in ihre Verteidigung investieren. Die Kardinalfrage lautet: Kann sich Europa überhaupt noch auf den Schutz der USA verlassen?

Der polnische Regierungschef Donald Tusk hat diese prekäre Lage auf den Punkt gebracht. Es könne doch nicht sein, dass 500 Millionen Europäer ständig 300 Millionen Amerikaner bitten, sie vor 140 Millionen Russen zu schützen, die seit mehr als vier Jahren nicht in der Lage sind, 40 Millionen Ukrainer zu besiegen.

Bei der Suche nach einer Friedenslösung für die Ukraine hat Europa die Chance, sich als politischer Akteur einzubringen. Das Foto zeigt Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Begrüßung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi in Berlin. (Foto: Bundesregierung | Guido Bergmann)

Geeintes Europa als Schlüssel für dauerhafte Stabilität

Europa ist gezwungen, auf diese tiefgreifenden Veränderungsprozesse zu reagieren. Aber was tun? Einige Vorschläge: Politisch ist ein stärkerer Schulterschluss der einzelnen Staaten erforderlich, damit sich Europa zu einer schlagkräftigen Einheit entwickeln kann. Wirtschaftlich sollte der Kontinent die Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wachstum und internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter verbessern. Industriell sind insbesondere Konsolidierungen – etwa in der Verteidigungsindustrie – entschlossen zu fördern. Denn diese Hightech-Branche ist immer noch zu national orientiert und zu fragmentiert strukturiert. Und militärisch muss Europa jene Kapazitäten und Fähigkeiten ausbauen, die für eine ernstzunehmende Rolle auf der Weltbühne unverzichtbar sind.

Deshalb hat die EU beschlossen, 800 Milliarden Euro zusätzlich in ihre Verteidigung zu investieren. Der Plan umfasst auch EU-Kredite (SAFE) in Höhe von 150 Milliarden Euro und die Ausnahme von Verteidigungsausgaben von den EU-Schuldenregeln. Weitere Vorschläge hat die EU in ihrem neuen „White Paper for European Defence – Readiness 2030“ vorgestellt. Im Kern geht es darum, die europäische Souveränität beziehungsweise die strategische Autonomie Europas zu stärken und die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Dabei gilt, was Verteidigungsminister Boris Pistorius am 27. August 2025 bei der Einweihung des neuen Werks für Artilleriemunition in Unterlüß prägnant in einem Satz zusammengefasst hat: „Die NATO muss europäischer werden, damit sie transatlantisch bleiben kann.“ Denn die NATO ist und bleibt der unverzichtbare Sicherheitsgarant Europas.

Wirtschaftlich ein Riese – politisch ein Zwerg?

Wie begrenzt der Handlungsspielraum Europas ist, zeigte sich im August 2025: Bei dem Gespräch zwischen Trump und Putin in Alaska hätten die Europäer gerne am Tisch gesessen. Erst beim anschließenden Ukraine-Gipfel in Washington, DC erhielt eine Delegation europäischer Staats- und Regierungschefs die Gelegenheit, dem US-Präsidenten ihre Vorschläge zu präsentieren. Eine Chance für Europa, an geopolitischem Gewicht zu gewinnen, liegt darin, gemeinsam mit den USA eine Friedenslösung für die Ukraine zu finden. Hier kann Europa beweisen, dass es den politischen Willen hat, eine Weltmacht zu werden. 

Nur durch Geschlossenheit, Härte und Resilienz kann Europa erfolgreich auf der Weltbühne sein. So haben es die europäischen Staats- und Regierungschefs geschafft, dass die USA ihren Plan aufgaben, Grönland zu annektieren. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos gab US-Präsident Trump im Januar 2026 bekannt, dass er keine militärische Gewalt anwenden will und auf zusätzliche Zölle gegen Europa verzichten wird. Offenbar hat er gelernt, dass die brutale Konfrontation mit den überraschend resistenten Europäern zu einem zu hohen politischen und wirtschaftlichen Schaden für die USA geführt hätte.

Gegenwärtig ist Europa noch nicht stark genug. Die Europäer haben aber das Potenzial, die Fähigkeiten und Kraft, dieses langfristige Ziel erreichen zu können – auch wenn der Weg dahin sehr schwierig ist.


Autor

Dr. Theodor Benien

hat über 30 Jahre als Leiter Kommunikation in verschiedenen Divisionen der Airbus-Gruppe gearbeitet und war zuletzt Vice President Communications im Eurofighter-Konsortium. Seit 2020 arbeitet er als selbstständiger Kommunikations­berater mit Schwerpunkt „Internationale Sicherheits- und Verteidigungspolitik“.

Notification Icon

Keine Artikel mehr Verpassen

Klicken Sie hier, um Push-Benachrichtigungen zu empfangen. Durch Ihre Einwilligung erhalten Sie regelmäßige Informationen zu neuen Beiträgen auf der Dimensions-Webseite. Dieser Benachrichtigungsservice kann jederzeit in den Browser-Einstellungen bzw. Einstellungen Ihres Mobilgeräts abbestellt werden. Ihre Einwilligung erstreckt sich ausdrücklich auch auf eine Datenübermittlung in Drittländer. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzinformation unter Ziffer 5.

Artikel teilen