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Drehscheibe Deutschland

23. Juni 2026 - von Burghard ­Lindhorst

Im Verteidigungsfall kämpfen deutsche Streitkräfte nicht nur an den Außengrenzen der NATO. Entscheidende Aufgaben sind auch unmittelbar in Deutschland zu ­erfüllen. Der „Operationsplan Deutschland“ koordi­niert die militärischen Planungen mit den zivilen Behörden und Organisationen.

(Foto: picture alliance | photothek.de | Florian Gaertner)

„Wir stehen bereit – auch im Einsatzgebiet“

Paul Walf, Geschäftsführer der Rheinmetall Project Solutions GmbH, spricht im Interview mit DIMENSIONS über mobile Feldlager, die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und die Rolle seines Unternehmens im Operationsplan Deutschland.

Herr Walf, Rheinmetall Project Solutions hat im Februar 2025 mit der Bundeswehr einen Rahmenvertrag für logistische Dienstleistungen bei Truppenverlegungen geschlossen. Mit dem Großauftrag übernehmen Sie als erster industrieller Partner Aufgaben im Operationsplan Deutschland. Welche sind das?

Wir sind als Vertragspartner der Bundeswehr für den Aufbau und den Betrieb von Feldlagern im Operationsgebiet verantwortlich. Konkret geht es um die logistische Unterstützung bei der Verlegung von Kräften durch, in und aus Deutschland heraus. Wir errichten Rast- und Sammelräume – sogenannte Convoy Support Center (CSC) und Marshalling Areas – für die Bundeswehr und für verbündete Streitkräfte der NATO, der Vereinten Nationen, der EU und der Partnership-for-Peace-Staaten. Der Vertrag gilt sowohl für den Übungsbetrieb in Friedenszeiten als auch erstmals im Rahmen von Landes- und Bündnisverteidigung.

Logistische Dienstleister gibt es viele. Was kann Rheinmetall Project Solutions, was -andere nicht können?

Wir verstehen uns als Full-Service-Partner für die Bundeswehr und alliierte Streitkräfte in den Bereichen Infrastruktur, Sanitätseinrichtungen und Kampfmittelbeseitigung. Unser Selbstverständnis lautet: Welche Dienstleistungen der Kunde auch immer benötigt, wir stehen bereit – auch im Einsatzgebiet. Ein entscheidender Vorteil ist unsere langjährige Erfahrung aus Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Wir haben bereits zahlreiche Feldlager errichtet und wissen, worauf es ankommt.

Was dürfen die marschierenden Truppen in den temporär errichteten Convoy Support Centern erwarten?

Voll ausgestattet bietet das Feldlager Schlafplätze für bis zu 500 Soldatinnen und Soldaten, 48 Duschen, eine Truppenküche mit Menüauswahl und fünf Tankpunkte für Fahrzeuge. Das eingezäunte Gelände wird von einem privaten Sicherheitsdienst geschützt. In einem Radius von 20 Kilometern überwachen wir das Areal zusätzlich mit Drohnen.

Wie lange benötigen Sie, bis eine solche ¬„mobile Kaserne“ steht?

Das hängt von der Situation ab. Für Übungsabrufe, die im Rahmen der Bundeswehr-Planung erfolgen, haben wir ausreichend Vorlaufzeit. Im Fall von Landes- oder Bündnisverteidigung können wir die Feldlager an vorerkundeten Standorten innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung stellen. Bis die sogenannte Full Operational Capability erreicht ist, vergehen nur wenige Tage.

Wie viele Feldlager können Sie im Ernstfall parallel betreiben?

Wir sind in der Lage, mindestens zehn Convoy Support Center und drei Marshalling Areas gleichzeitig aufzubauen und zu betreiben. Das dafür erforderliche Equipment und Personal stellen unsere Partnerunternehmen bereit. Die Koordinierung und Führung vor Ort verantworten erfahrene Teams von Rheinmetall Project Solutions. Die betreffenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mit militärischen Logistikprozessen bestens vertraut und können im Landes- oder Bündnisfall kurzfristig aus unserem Tagesgeschäft abgestellt werden.

Die Bundeswehr hat das Konzept erstmals bei der Übung „Quadriga 2025“ getestet. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Von den teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten erhalten wir durchweg sehr positive Rückmeldungen. Nach jeder Übung identifizieren wir in gemeinsamen Workshops mit dem Kunden Verbesserungspotenziale für den nächsten Einsatz. Mindestens dreimal pro Jahr muss die Bundeswehr im Übungsbetrieb Leistungen aus der Rahmenvereinbarung abrufen. Derzeit erfolgt die Koordination über das Operative Führungskommando, zukünftig soll dafür das Land Component Command des Heeres verantwortlich sein. Insgesamt betrachtet ist unsere Zusammenarbeit mit der Bundeswehr von großem Vertrauen und gegenseitiger Professionalität geprägt.

Aufgrund der offenen und versteckten hybriden Kriegsführung Russlands in Europa richtet Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit grundlegend neu aus. Reine militärische Maßnahmen reichen dafür nicht aus. Alle zivilen Behörden und Hilfsorganisationen, wie das Technische Hilfswerk oder das Deutsche Rote Kreuz, leisten ihre Beiträge.

Der Operationsplan Deutschland

Experten aus allen Bereichen der Bundeswehr haben gemeinsam mit Vertretern von Bund, Ländern und Kommunen, den Blaulichtorganisationen sowie der Wirtschaft den militärischen Teil einer gesamtstaatlichen Verteidigungsplanung konzipiert: den „Operationsplan Deutschland“ (OPLAN DEU). Das Operative Führungskommando der Bundeswehr in Berlin ist für die fortlaufende Aktualisierung dieses mehr als 1.000 Seiten umfassenden, als geheim eingestuften Dokuments verantwortlich.

Planerische Vorsorge

Der OPLAN DEU vereint die militärischen Komponenten der Landes- und Bündnisverteidigung in Deutschland mit den notwendigen zivilen Unterstützungsleistungen. Ziel ist die schnelle Handlungsfähigkeit über alle Ressort- und Ländergrenzen hinweg. Im Mittelpunkt stehen die Verfahren, Abläufe und Zuständigkeiten für das Zusammenwirken aller Akteure hinsichtlich zweier Hauptaufgaben: 

  • des Schutzes der territorialen Integrität Deutschlands und seiner Bürger sowie
  • der Sicherstellung eines reibungslosen Aufmarsches der alliierten Streitkräfte an der Ostflanke der NATO und ihrer Versorgung.

Militärischer Schutz

Die Bundeswehr ist in Deutschland nicht nur für den Schutz militärischer Einrichtungen wie von Kasernen, Flugplätzen und Häfen verantwortlich. Auch die Sicherung kritischer Infrastruktur, beispielsweise von Kraftwerken oder Brücken, zählt zu ihren Aufgaben. Besonders gefordert ist dabei die neu aufgestellte Heimatschutzdivision des Heeres. Auch die anderen Teilstreitkräfte verfügen über spezielle Sicherungseinheiten. 

Drehscheibe Deutschland

Bei einer Verschärfung der sicherheitspolitischen Lage werden große Truppenkontingente der NATO an die Ostflanke des Bündnisses verlegt. Laut NATO-Planungen sollen bis zu 800.000 Soldaten mit bis zu 200.000 Fahrzeugen innerhalb von sechs Monaten über die „Drehscheibe Deutschland“ in ihre Einsatzräume marschieren. Auf Straßen oder auf Schienen, über See- oder Flughäfen: Während dieses Transits müssen die Soldaten gesichert und versorgt werden. Der OPLAN DEU definiert hierfür die Anforderungen an die Bundeswehr sowie an andere staatliche und zivile Organisationen.

Zivile Unterstützung

Die maximale zivile Unterstützung ist ein zentraler Faktor des OPLAN DEU. Die vielfältigen Aufgaben sollen durch ein abgestimmtes und zielgerichtetes Zusammenspiel auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene bewältigt werden. Beispielsweise wird festgelegt, welche Verkehrswege für den Transport genutzt werden, welche Brücken relevant sind, wo temporäre Rastplätze eingerichtet werden und wie deren Schutz in enger Abstimmung mit der Polizei organisiert wird. 

Premiere in der Oberlausitz

Die NATO probte vor kurzem in der Übungsserie „Quadriga 2025“ erneut die Verlegung größerer Verbände ins Baltikum. Die Versorgung der Soldatinnen und Soldaten auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz leistete erstmals kein militärisches Versorgungssystem. Stattdessen baute die Rheinmetall Project Solutions GmbH dort in eigener Regie ein „Convoy Support Center“ auf. Die Premiere verlief erfolgreich: Die Rheinmetall-Tochter lieferte aus einer Hand umfassende Einsatzunterstützung. Die Auslagerung der Versorgungslogistik entlastet die Bundeswehr und schafft Freiräume für deren eigentlichen militärischen Aufgaben.


Autor

Burghard ­Lindhorst

arbeitet als freier Journalist, insbesondere als Chefreporter für einen Defence-Fachverlag. Als Berufssoldat war er unter anderem Bataillons­kommandeur und Chefredakteur von „Bundeswehr aktuell“ im BMVg. Später verantwortete er auch den „Newsletter Verteidigung“ sowie den „Hardt­höhenkurier“.

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