Im GesprächMeinung

„Von Anfang an überzeugt“

13. Februar 2024

Seit Dezember 2022 verantwortet Dagmar Steinert als CFO die Finanzen der Rheinmetall AG. Damit gehört sie zu den wenigen weiblichen Vorständen in deutschen DAX-Unternehmen. Im Interview spricht die Finanzchefin über den derzeitigen Höhenflug der Rheinmetall-Aktie, über neue Märkte, zukünftige Investitionen und darüber, warum Erfolg und nachhaltiges unternehmerisches Handeln untrennbar miteinander verbunden sind.

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(Foto: Ralf Grothe, zeit-licht.de)

Dagmar Steinert,

Jahrgang 1964, verantwortet als CFO den Finanzbereich der Rheinmetall AG. Nach ihrem Studium war die diplomierte Kauffrau und examinierte Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin für verschiedene Wirtschaftsprüfungsgesellschaften tätig. Im Jahr 2003 wechselte sie zu Rheinmetall und leitete dort zehn Jahre den Bereich Accounting. Von 2008 an war sie Mitglied des Aufsichtsrats von KSPG und behielt diese Funktion auch nach ihrem Ausscheiden bei Rheinmetall bis Ende 2015 bei. Im April 2013 ging Dagmar Steinert zur Fuchs Petrolub SE nach Mannheim. Nach knapp drei Jahren als Leiterin Investor Relations wurde sie dort zum 1. Januar 2016 zur Finanzchefin bestellt. Im Dezember 2022 kehrte sie zu Rheinmetall zurück, wo sie seither als Chief Financial Officer im Vorstand des Technologiekonzerns tätig ist.

Frau Steinert, muss ein Finanzvorstand bei Rheinmetall wissen, was ein Panzer kostet?
Natürlich, denn vom operativen Geschäft lebt der Konzern ja und mir ist die Nähe zu unseren Technologien und Produkten sehr wichtig. Allerdings gibt es natürlich nicht den einen Panzer zum Listenpreis – die Preise sind ganz unterschiedlich, je nach Modellvariante und Auftragsumfang.

Gleichzeitig haben Sie sicher immer die Börse im Blick. Der Kurs der Rheinmetall-Aktie ist auf Rekord­höhe und hat jüngst die Marke von 300 Euro überschritten. Welche Perspektive sehen Sie?
Die Kursentwicklung ist sehr erfreulich, das ist gar keine Frage. Doch allein deshalb hören Sie bei uns keine Sektkorken knallen. Letztlich ist der starke Anstieg eine logische Folge der Marktsituation, in der wir uns im Moment befinden – und von der Performance, die wir bringen. Das ist dann sozusagen zwangsläufig. Für den Kurs wird durchaus noch Luft nach oben gesehen, denn wir haben gute Erfolgsaussichten: Bis 2026 soll unser jährlicher Umsatz auf 13 bis 14 Milliarden Euro steigen, bei einer Marge von über 15 Prozent. Nach Schätzungen von Analysten im Dezember 2023 erwartet der Markt ein durchschnittliches Kursziel von fast 350 Euro.

Sie sind die Hüterin der Finanzen des Konzerns, haben Kostenkontrolle und die Kapitalmärkte im Blick. Was noch?
Ich bin vor allem dafür verantwortlich, dass wir für die Finanzierung unserer Aktivitäten jeweils die bestmöglichen Konditionen erhalten. Wir bewegen große Projekte, teils im Milliardenbereich. Da gilt es, die Zinsaufwendungen möglichst gering zu halten. Gleichzeitig geht es darum, dass wir stets genug Liquidität zur Verfügung haben, um uns unterjährig zu finanzieren. Für unser globales Geschäft ist zudem die Eingrenzung von Wechselkursrisiken von Bedeutung.

Werfen wir einen Blick auf das globale Umfeld. Wir sehen eine Welt im Umbruch, mit Kriegsausbrüchen und zunehmenden Spannungen in vielen Regionen …
Ja, wir befinden uns in einer herausfordernden Lage, politisch wie wirtschaftlich. Gerade auch für Deutschland und seine exportorientierte Wirtschaft gibt es viele Abhängigkeiten. Die Sicherheitslage ist ein ganz entscheidender Faktor. Für die globalen Lieferketten kommt es vor allem auf eine stabile politische Situation in Asien an, insbesondere in China. Ob wir eher in eine Rezession gehen oder eine baldige wirtschaftliche Erholung einsetzt, hängt von vielen Einflussfaktoren ab. In Deutschland wird dabei eine große Rolle spielen, wie die Automobilindustrie den technologischen Wandel bewältigt.

Der unternehmerische Erfolg des Rheinmetall-Konzerns zeigt sich davon aber unberührt …
In der Tat profitieren wir in unserem militärischen Geschäft von der Marktdynamik und dem erheblich gestiegenen Bedarf. Dagegen haben wir in unserem zivilen Bereich aktuell durchaus noch Potenziale in der Profitabilität, hier sind wir nicht so sanft gebettet. Doch wir sind auf einem guten Weg, den Ausstieg aus der Verbrennungstechnologie erfolgreich zu bewältigen. Insgesamt sehen wir uns sehr gut aufgestellt.

Mit der Zeitenwende nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hat auch für Rheinmetall eine neue Ära begonnen. Hat dies Ihre Motivation beflügelt, Ende 2022 zu Rheinmetall zu wechseln?
Nein, ich habe mich schon lange vorher im Jahr 2021 entschieden, als einige den Konzern noch in der „Schmuddelecke“ gesehen haben. Ich war schon immer von Rheinmetall überzeugt und ich weiß, wovon ich spreche, schließlich war ich ja auch schon von 2003 bis 2013 im Unternehmen.

Der 20. März 2023 war ein besonderer Tag in der Firmenhistorie: Rheinmetall ist seitdem im DAX gelistet, dem höchsten deutschen Aktienindex. Sie waren zur Opening Bell Ceremony im Haus der Deutschen Börse …
Ja, das war ein unvergesslicher Tag – so etwas erlebt man, wenn überhaupt, nur einmal. Aber vor allen Dingen hat es mich unheimlich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen gefreut, die das mit ihren Leistungen ermöglicht haben. Denn mein Beitrag dazu war ja doch sehr überschaubar.

Ein spannendes Großprojekt, zu dem Sie hingegen sehr viel beigetragen haben, war der Erwerb des spanischen Unternehmens Expal Munitions. Da steht und fällt alles mit der Finanzierung …
So ist es. Wir haben dazu Wandelanleihen in Höhe von 1 Milliarde Euro begeben, das war für uns das Mittel der Wahl. Wir hatten einen sehr straffen Zeitplan, der nur dank einer hervorragenden Teamarbeit zu bewältigen war – auch mit den involvierten Beratern und Banken. So war es möglich, die beiden Bonds innerhalb eines kurzen Zeitfensters mit sehr guten Konditionen zu platzieren.

Rheinmetall gehörte bis März 2023 dem MDAX der mittelgroßen Unternehmen an. Finden Sie nach dem Aufstieg in den DAX leichter Gehör bei Analysten, Investoren, Banken?
Wenn man im MDAX kein Gehör findet, macht man sicher seinen Job falsch. Wir spüren seit dem Aufstieg aber schon auch ein stark gestiegenes Interesse der Banken. Das resultiert natürlich auch aus der Marktlage und dem Boom, den wir erleben. Zudem hat sich auch die mediale Wahrnehmung deutlich erhöht, die Zugehörigkeit zum DAX ist hier sicher ein treibender Faktor.

Philipp von Brandenstein (l.), Leiter der Unternehmenskommunikation, und Oliver Hoffmann, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, im Gespräch mit Finanzchefin Dagmar Steinert (Foto: Ralf Grothe, zeit-licht.de)

Rheinmetall wird seinen Umsatz in den nächsten Jahren jährlich um rund 20 Prozent steigern. Das sind erfreuliche Perspektiven – aber welche Herausforderungen und Risiken verbinden sich damit?
Wir müssen natürlich das Wachstum bewältigen, die PS auf die Straße bringen und unsere Lieferverpflichtungen in der gewohnten Qualität erfüllen – und das zeitnah.

Lieferfähigkeit ist ein wichtiges Stichwort. Wie sichern Sie Ihre Lieferketten ab, welche Vorsorge treffen Sie?
Kritische Teile oder Materialien legen wir uns in ausreichenden Mengen aufs Lager, obwohl das natürlich Finanzmittel bindet und unseren freien Cashflow belastet. Wir müssen also immer darauf achten, nicht zu sehr in Vorleistung zu gehen und genug Anzahlungen von den Kunden zu bekommen, um den Finanzierungsbedarf zu begrenzen.

Vor Kriegsbeginn gab es eine intensive politische Diskussion um die geplante EU-Taxonomie. Momentan ruht das Projekt, es kann aber wieder auf die Tagesordnung kommen. Wie stehen Sie dazu?
Die EU-Taxonomie ist ein regulativer und technokratischer Ansatz, der in meinen Augen eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der europäischen Unternehmen bedeutet. Ich erwarte von der EU ein politisches Gegensteuern und mehr Realismus. Mittlerweile weiß doch jeder, dass wir Sicherheit brauchen und dass die Vorsorge dafür eine nationale Aufgabe ist. Wer sich nicht schützen kann, droht seine Freiheit zu verlieren. Und deshalb kann man nicht eine ganze Branche stigmatisieren, die für die Sicherheitsvorsorge unverzichtbar ist. Krieg ist das Ende aller Nachhaltigkeit.

Wir nehmen an, Nachhaltigkeit ist mehr als ein Modewort für Sie?
Absolut! Das Streben nach Nachhaltigkeit ist Teil unserer DNA, denn wir helfen Gesellschaften, sich zu schützen. Verantwortung ist fester Bestandteil unserer Unternehmenskultur, und dazu gehört die Orientierung an Nachhaltigkeit. So haben wir uns als festes Ziel gesetzt, im Konzern bis 2035 CO2-Neutralität zu erreichen.

Die Anstrengungen für nachhaltiges unternehmerisches Handeln erstrecken sich auf die Bereiche „Environmental, Social and Governance“. Welche Rolle spielen die ESG-Kriterien für Sie?
Sie sind von entscheidender Bedeutung. Dauerhaft erfolgreich können wir nur sein, wenn wir ökonomische, ökologische und soziale Kriterien in die Unternehmensstrategie einbeziehen – und das tun wir bereits: Für uns ist es selbstverständlich, unseren Beitrag zu einer wirtschaftlich stabilen und ökologisch verantwortlichen Entwicklung der Gesellschaft zu leisten. Der verantwortungsvolle und schonende Umgang mit natürlichen Ressourcen – Stichwort Environment – gehört zu unserem Selbstverständnis. Im sozialen Bereich geht es uns nicht nur um Sicherheit für die Gesellschaft, sondern auch um einen wertschätzenden und verantwortungsvollen Umgang mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und zu Governance ist zu sagen: Ohne eine in jeder Hinsicht verantwortungsvolle Unternehmensführung würden wir uns angreifbar machen und unser Geschäft gefährden.

ESG ist Ihnen also ein Kern­anliegen …
Definitiv. An den Erfolgen wollen wir uns auch messen lassen. So haben wir die Höhe der Vergütungen des Vorstands und der nächsten Führungsebene auch an die Erfüllung unserer ESG-Ziele gekoppelt.

Rheinmetall ist gefordert, wenn es darum geht, den massiven Bedarf der Streitkräfte zu decken – der Ukraine wie auch der NATO-Partner und der EU-Länder. Dazu erhöhen Sie die Kapazitäten, stellen Personal ein, modernisieren Anlagen. All das kostet viel Geld …
In der Tat, wir investieren in großem Umfang, allein 2023 waren es rund 550 Millionen Euro, nach 350 Millionen im Jahr zuvor. Wir müssen die Lasten aber nicht allein tragen. Bei Großprojekten bekommen wir teils auch von der Kundenseite Unterstützung, zum Beispiel für neue Werke. Es kommt also auf das Zusammenspiel mit den Partnern an. Am Ende muss es sich für uns rechnen.

Rheinmetall agiert global, auch an den Finanzmärkten. Sie haben Kontakte nach Nordamerika. Wo sehen Sie da Potenziale für Investoren?
Auf der Anlegerseite sehen wir tatsächlich ein erfreuliches Interesse in den USA, auch in Kanada. Rheinmetall wird als attraktive Anlage gesehen.

Welche Argumente bringen Sie, wenn Sie potenzielle Investoren für ein Investment gewinnen wollen?
Wir haben einen hervorragenden Auftragsbestand, der Rheinmetall Backlog ist sehr hoch – er beläuft sich auf fast 40 Milliarden Euro. Er sichert unser zukünftiges Geschäft ab. Wir befinden uns in einer starken Wachstumsphase und erwarten Umsatzzuwächse von über 20 Prozent im Schnitt der nächsten Jahre, verbunden mit einer hohen Profitabilität. Weil wir es mit staatlichen Kunden zu tun haben, sind Zahlungsausfälle unwahrscheinlich. Wir haben also allen Anlass, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken!

Rheinmetall hat – neben den zivilen Aktivitäten – einen deutlichen Schwerpunkt im militärischen Geschäft. Verstehen die Finanzmärkte die Aufstellung des Konzerns, oder erwartet man die Konzentration auf das Geschäft mit den Streitkräften?
Wir werden bald 80 Prozent unseres Umsatzes im militärischen Bereich erwirtschaften. Da gibt es schon durchaus Fragen nach dem zivilen Geschäft. Die Marktbeobachter sehen ja, dass die Profitabilität unserer zivilen Aktivitäten nicht an die des Militärgeschäfts heranreicht. Aber wir arbeiten daran, dies zu verbessern, und schaffen klare Strukturen. So haben wir jetzt unser ziviles Geschäft in einer neuen Division „Power Systems“ zusammengefasst. Für jeden einzelnen Bereich haben wir ehrgeizige Renditeziele. Unseren Charakter als Technologiehaus mit einer breiten Aufstellung wollen wir bewahren.

Vier von fünf Vorstandsmitgliedern der DAX-Unternehmen sind männlich. In den Unternehmen der drei größten Börsen-Indices liegt der Frauenanteil im Schnitt lediglich bei rund 15 Prozent. Wären Sie für eine Frauenquote?
Nein, davon halte ich gar nichts. Ob Frau oder Mann – wer erfolgreich sein will, muss fachlich gut sein. Wenn es von dem Unternehmen und seiner Kultur her passt, dann spielt das Geschlecht doch keine Rolle. Das ist wirklich egal. Mit der Quote drängt man erfolgreiche Frauen eher in eine Ecke, in der sie sich rechtfertigen müssen, dass ihre Qualifikation ausschlaggebend war und nicht die Quote.

Was raten Sie jungen Frauen, die sich Ihren Werdegang zum Vorbild nehmen wollen?
Besinnen Sie sich auf Ihre eigenen Stärken und Schwächen. Wenn Sie mit voller Überzeugung hinter Ihrem Tun stehen, werden Sie es gut machen und erfolgreich sein. Dann entwickelt man sich auch weiter. Ich hatte auch nicht von vornherein das Karriereziel Finanzvorstand. Wer jung ist, sollte einen offenen Blick haben – und ihn sich für die Zukunft bewahren.

Das Interview führten Oliver Hoffmann und Dr. Philipp von Brandenstein

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