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Europas neue Pulverkammer

2. Juli 2026

Mit seinem Projekt „Firepower“ reagiert Rheinmetall auf den akuten Munitionsbedarf in Deutschland und in Europa. Der Technologiekonzern investiert ­massiv in den Ausbau seiner Standorte – auch in der Pulverherstellung. Für die Konzerntochter Nitrochemie setzt damit eine beispiellose Transformation ein.

PROJEKT „FIREPOWER“

Ab 2030 will Rheinmetall in der Lage sein, jährlich 20.000 Tonnen Treibladungspulver herzustellen. Für die Konzerntochter Nitrochemie, einer der großen Produzenten von Treibladungspulver, bedeutet das

Personalaufstockung: in Aschau von bisher 700 auf rund 1.200 Mitarbeiter, in Wimmis von 250 auf 300.


Länderübergreifende Kooperation der Standorte der Rheinmetall Nitrochemie in Wimmis (Schweiz) und Aschau am Inn (Deutschland) sowie der Rheinmetall Expal Munitions in Burgos (Spanien).


Veränderungen im Produktionsprozess: Das Pulver wird in Zukunft größtenteils aus Granulat gepresst, nicht mehr gewalzt,
um den Output zu erhöhen.


Ausbau der Infrastruktur: Gebäude werden neu gebaut oder zugekauft, deutliche Erweiterung des Firmengeländes in Aschau.

Erst wenige Monate sind vergangen, seit die Rheinmetall-Tochter Nitrochemie in Aschau am Inn ihre letzte große Expansionswelle gemeistert hat. Das im bayerischen Alpenvorland beheimatete Unternehmen ist vornehmlich auf die Herstellung von Treibladungspulver spezialisiert. Von 2023 bis heute wuchs die Belegschaft um 20 Prozent auf über 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gearbeitet wird im Schichtbetrieb rund um die Uhr. 1.700 Tonnen Pulver und rund 200.000 Treibladungsmodule produziert das Werk inzwischen pro Jahr. „Die Kapazitätserweiterung war ein voller Erfolg“, sagt Pascal Schreyer, CEO der Nitrochemie, die neben Aschau auch im schweizerischen Wimmis vertreten ist. „Das stärkt uns den Rücken – auch für die Aufgaben, die jetzt vor uns stehen.“

Denn es kommt noch weit mehr in Bewegung bei der Nitrochemie. In den nächsten 24 Monaten soll die Produktion von Pulver und Treibladungsmodulen mehr als verdoppelt werden. „Wir wollen in Aschau 2.500 Tonnen Pulver und 550.000 Module zusätzlich herstellen“, sagt Oliver ­Becker, Senior Vice President Operations in Aschau. Darüber hinaus sind die Rheinmetall-Standorte Wimmis in der Schweiz und Burgos in Spanien am Projekt „Firepower“ beteiligt. Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, ist weitere Manpower erforderlich: In Aschau will das Unternehmen rund 500 neue Arbeitskräfte gewinnen, in Wimmis rund 50.

Munitions-Initiative

Tag für Tag wird deutlicher, welcher Nachholbedarf in Deutschland und der EU in puncto Verteidigung herrscht. Die Staaten müssen stark genug sein für die Umbrüche und Widrigkeiten, die das Weltgeschehen bestimmen. Mit dem Projekt „Firepower“ reagiert Rheinmetall auf die dringende Nachfrage nach Munition. Die Treibladung, oft auch Pulver genannt, ist eine wichtige Komponente. Sie treibt bei der Zündung das Projektil mit hoher Geschwindigkeit aus dem Waffenrohr und gibt somit dem Geschoss die Energie, die es braucht, sein Ziel zu erreichen. „Im Gegensatz zu Sprengstoff findet beim Abfeuern der Treibladung keine Explosion statt“, erklärt Oliver Becker, „sondern eine schlagartige, kontrollierte Verbrennung des Pulvers im Rohr.“ Das Projektil selbst könne im Ziel schließlich durch seine kinetische Energie wirken, führt er weiter aus: „Je nach Typ auch mithilfe einer Sprengladung.“

Der Bedarf in NATO, EU und Bundeswehr an Munition ist enorm – längst geht es nicht mehr ausschließlich um die Ukraine. Rheinmetall investiert massiv in seine Fertigung, sowohl mit dem Bau neuer Munitionswerke wie dem in Unterlüß als auch mit dem weiteren Ausbau von bestehenden Standorten wie der Nitrochemie. Der Düsseldorfer Technologiekonzern liefert den „Full Shot“ aus einer Hand – vom Geschoss über Zünder und Primer bis zur Treibladung und zum Payload. „Keine dieser Komponenten darf zum Engpass werden“, sagt Pascal Schreyer. „Gerade bei Pulver, wo es weltweit nur wenige Hersteller gibt, ist unsere Autarkie entscheidend.“

Neue Prozesse, mehr Output

Mit den Kapazitätserweiterungen sind fast immer auch tiefgreifende Veränderungen in den Produktionsprozessen verbunden. Beispielsweise liefert Wimmis bis dato hauptsächlich Rohmasse aus Nitrocellulose nach Aschau, die dort in mehreren Fertigungsschritten manuell zu Pulver weiterverarbeitet wird. „Künftig kommt aus Wimmis bereits aufbereitetes Granulat zu uns“, erklärt Oliver Becker die Neuerungen. „Statt die Rohmasse wie bisher zu walzen, werden wir es bald im Granulat-Pressverfahren herstellen und damit den Output nochmals deutlich erhöhen.“ Dutzende weitere Prozessveränderungen und deutlich erhöhter Automatisierungsgrad werden implementiert. Parallel gilt es, den Standort in Burgos in den Projektablauf zu integrieren. Hochkomplexe Abläufe müssen geändert und neu koordiniert werden – und das so schnell wie möglich. „Wir verfügen mittlerweile über umfassende Fähigkeiten und Fachkompetenz im Projektmanagement und in der Anlageninstallation“, sagt Pascal Schreyer. „Wir trauen uns das zu.“ Einen weiteren Grund zum Optimismus liefern die ersten Testresultate der mit der neuen Prozessroute gefertigten Produkte. „Wir haben ein kleines Serienlos an einem ballistischen System der Bundeswehr in Unterlüß erprobt“, so Schreyer. „Die Ergebnisse sind sehr gut.“

(Foto: Gatis Rozenfelds, Valsts Kanceleja)

Hamburg im September 2025: Ministerpräsidentin Evika Silina und Rheinmetall-Chef Armin Papperger besiegeln den Bau einer Munitionsfabrik in Lettland. Der Ausbau der Produktionskapazitäten im Baltikum und in anderen europäischen Staaten erfordert eine gesicherte Versorgung mit Rohstoffen wie Treibladungspulver.

450 Millionen für mehr Feuerkraft

Das Investitionsvolumen verdeutlicht, wie wichtig das Projekt „Firepower“ für die Nitrochemie ist. „In Aschau investieren wir rund 250 Millionen Euro, in der Schweiz rund 100 Millionen Euro sowie in Spanien weitere rund 100 Millionen Euro“, sagt Pascal Schreyer. Damit leistet die Tochter ihren Beitrag zum ambitionierten Ziel des Mutterkonzerns: Bis 2030 will Rheinmetall in der Lage sein, jährlich 20.000 Tonnen Treibladungspulver herzustellen. Daraus werden Antriebe hergestellt für unter anderem rund 1,1 Millionen Schuss Artilleriemunition, 150.000 Schuss Panzermunition sowie 3,2 Millionen Schuss Mittelkaliber-Munition.

Das Ausmaß der Veränderungen am Standort Aschau zeigt sich beim Rundgang durch das Gelände. Die Kapazitätserweiterung benötigt Raum – und den schafft die Nitrochemie durch den Zukauf von Grundstücken aus der unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch durch Rodung, die das Unternehmen durch Wiederaufforstung an anderer Stelle vollständig kompensiert. „All diese Maßnahmen führen wir unter strenger Einhaltung aller baubehördlichen, umweltschutzrechtlichen und sicherheitstechnischen Vorschriften durch“, betont Oliver Becker.

Herausforderung Generationenwechsel

Die geplante Personalaufstockung ist schon an sich ein ambitioniertes Vorhaben. Doch der Standort steht vor einer zusätzlichen Herausforderung: Ein Generationswechsel kündigt sich an, wie ihn viele Industriebetriebe derzeit erleben: Die Babyboomer gehen in den Ruhestand. „Wir müssen sie ersetzen, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ in ihrer ganzen Fachkompetenz“, betont CEO Pascal Schreyer. In den vergangenen Jahren hat sein Unternehmen viel unternommen, um diesen Übergang möglichst reibungslos zu gestalten. „Aktuell stellen wir Fachkräfte ein, die schon beim Aufbau der neuen Anlagen mitwirken, die sie dann später betreiben werden“, berichtet Oliver Becker. Die Aufgaben sind vielfältig – vom Schichtmitarbeiter bis zum Produktionsleiter.

Die vorausschauende Personalstrategie zahlt sich heute aus: Bereits vor zwei Jahren startete die Nitrochemie im Zuge der Kapazitätserweiterung intensive Recruiting-Kampagnen. Diese Erfahrung hilft, qualifiziertes Personal zu gewinnen. Doch noch zwei weitere Faktoren spielen der Nitrochemie und dem Mutterkonzern Rheinmetall in die Hände. In anderen Industriezweigen schwächelt die Wirtschaft, allen voran die Automobilindustrie. Viele dort freigesetzte Fachkräfte bringen genau die Kompetenzen mit, die bei Rheinmetall und der Nitrochemie gefragt sind. Gleichzeitig hat sich die Wahrnehmung der Verteidigungsindustrie gewandelt. „Die Situation am Arbeitsmarkt hat sich zu unseren Gunsten verändert, die Attraktivität von Rheinmetall als Arbeitgebermarke ist stark gestiegen“, sagt Oliver Becker. „Wir stehen jetzt im Licht der Öffentlichkeit – und zwar in einem, in dem das polarisierende Element weitgehend verschwunden ist.“

Bewerberinnen und Bewerber suchen heutzutage Sinn in ihrer Arbeit – und finden ihn bei Rheinmetall. „Es gibt viele Menschen, die sagen: Ich will etwas beitragen. Ich will, dass diejenigen, die uns schützen – sei es in der Ukraine oder an der NATO-Außengrenze –, ordentlich ausgestattet sind“, weiß Pascal Schreyer.

Für Lieferketten ist gesorgt

Qualifizierte Fachkräfte sind das eine. Damit das Projekt „Firepower“ erfolgreich verläuft, muss ebenso die Versorgung mit Rohstoffen gesichert sein. Ein großes Thema, nicht nur für Rheinmetall. Auch hier denkt der Konzern vorausschauend. „Wir bewerten permanent unsere Supply Chain und disponieren gegebenenfalls neu“, betont Pascal Schreyer. Wie das in der Praxis aussieht, erklärt der CEO der Nitrochemie an einem aktuellen Beispiel: „Im Zuge unserer Kapazitätserweiterung werden wir einen Explosivstoff, den wir bisher zugekauft haben, künftig im eigenen Haus herstellen.“ Eine entsprechende Fertigungsanlage sei bereits in Planung. Zwar gehe es dabei nur um kleine Mengen, diese seien aber wesentlich, so Schreyer. Oliver Becker ergänzt: „Bei anderen Rohstoffen setzen wir auf eine hohe Lagerreichweite.“ Zum Teil hat die Nitrochemie Vorräte für die nächsten drei Jahre eingelagert.

Wettbewerbsfähig bleiben

Klar ist: Die hohe Nachfrage nach Munition und Treibladungspulver ist den anhaltenden geopolitischen Krisen und Konflikten geschuldet. Wie die meisten Menschen sehnt sich auch das Team der Nitrochemie nach mehr Frieden. Die Verteidigungsindustrie bleibt dennoch relevant. „Mit der Kapazitätserweiterung verbessern wir unsere Produktionsprozesse und stärken so unsere Wettbewerbsfähigkeit“, ist Pascal Schreyer überzeugt. „Es kommen wieder andere Zeiten, in denen wir uns noch stärker im internationalen Wettbewerb behaupten müssen. Jetzt nutzen wir die Chance, um uns auch in dieser Hinsicht optimal zu positionieren.“

Nun heißt es in der Nitrochemie: anpacken. Das Projekt „Firepower“ muss von der Planung in die Praxis überführt werden – mit neuen Anlagen, neuen Prozessen und zusätzlichen Arbeitskräften. Das Management geht diese Aufgabe mit Zuversicht an. „Wir vertrauen auf die Leistungsfähigkeit unserer Organisation und unserer Belegschaft“, sagt Pascal Schreyer. „Mit dieser Basis kann nichts schiefgehen.“

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