Seit der Annexion der Krim widmet Linda Mai ihr Leben der von ihr gegründeten Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz. Im Interview mit DIMENSIONS spricht die Vorsitzende des Deutsch-Ukrainischen Vereins über ihre Arbeit, über den Willen zum Widerstand und ihre bewegenden Erlebnisse während ihres letzten Hilfstransports in ihr vom Krieg zerstörtes Heimatland.

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(Foto: Deutsch-Ukrainischer Verein e. V.)

Linda Mai,

Jahrgang 1975, wuchs im Westen der Ukraine in einem kleinen Dorf auf und zog vor 20 Jahren nach Deutschland. Mit Ihrem bereits verstorbenen Ehemann gründete die Wahl-Kölnerin im Jahr 2014 den gemeinnützigen Verein „Blau-Gelbes Kreuz e.V. / Deutsch-Ukrainischer Verein“. Die studierte Pharmazeutin sagt: „Die Aufgabe habe ich nicht gesucht, sie hat mich gefunden. Das ist jetzt mein Leben“. Seit 2014 setzt sich Linda Mai zudem im Rahmen des Programms „Ferien ohne Krieg“ für ukrainische Waisenkinder und Verletzte ein und ermöglicht Ihnen einen kurzen Aufenthalt in Deutschland. Als Vorsitzende des Vereins koordiniert sie sämtliche Hilfslieferungen und verteilte diese vor Ort, auch in direkter Frontnähe.

Blau-Gelbes Kreuz e. V.

ist ein gemeinnütziger deutsch-ukrainischer Verein mit Sitz in Köln und Filialen in Düsseldorf, Bonn, Aachen und weiteren Städten in Deutschland. Bereits seit 2014 unterstützt die Organisation die Entwicklung einer freien, demokratischen Ukraine und leistet Hilfe für die Opfer des Krieges, insbesondere für Kinder, Binnenflüchtlinge, verletzte und andere stark bedürftige Menschen aus den vom Krieg betroffenen Regionen.

Seit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine im Februar 2022 realisiert der Verein verschiedenste Maßnahmen, um den Ukrainern und ihrem Land Hilfe zu leisten. Dazu hat der Verein tonnenweise humanitäre Hilfsgüter in die Ukraine geliefert, darunter Rettungsfahrzeuge, medizinische Ausrüstung, Schulranzen und Care-Pakete für werdende Mütter.

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Blau-Gelbes Kreuz Deutsch-Ukrainischer Verein e.V.
Kreissparkasse Köln
IBAN: DE78 3705 0299 0000 4763 46
BIC: COKS DE 33 XXX

Neben Geld- und Sachspenden ist Blau-Gelbes Kreuz e. V. auch stets für helfende Hände dankbar. Weitere Informationen zu dem Verein sind hier zu finden.

Sie haben uns heute hier bei Rheinmetall diese wundervoll bemalte Gepard-Patronenhülse als Geschenk für die kürzliche Schulranzenspende des Konzerns an ukrainisches Kinder mitgebracht. Hergestellt wurde Sie bei uns, verschossen in der Ukraine. Welche Bedeutung hat diese Patrone für Sie?
Ja, die Patrone ist in der Tat wunderschön von einem Künstler bemalt worden. Aber für die Menschen in der Ukraine hat so eine Patrone eine besondere Bedeutung, denn sie rettet Leben. Ich war Ende Januar, Anfang Februar im Osten der Ukraine und habe Hilfsgüter in verschiedenen Städten verteilt. Die Zerstörungen sind unvorstellbar und übersteigen das menschliche Vorstellungsvermögen. Das war, bevor Awdijiwka fiel.

Mit dem Gepard bekommen wir die Drohnen effektiv abgewehrt. Fast alle Drohnen werden damit abgeschossen. Wir haben immer wieder so viele Drohnenangriffe auf unterschiedliche Städte: Kyjiw, Odessa, Cherson. Vor allem die Hochhäuser werden getroffen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um vor allem den Rheinmetall-Mitarbeitern in der Munitionsproduktion meinen Dank auszusprechen. Ohne Ihre Arbeit könnten wir uns überhaupt nicht mehr effektiv verteidigen. Die Ukrainer unterhalten sich ganz anders über die Dinge, über die wir hier in Deutschland sprechen. Es geht immer nur darum, wie viele Menschen heute getötet werden und wie es den Verwandten an der Front geht.

Ein spontaner, aber besonderer Besuch in der Konzernzentrale in Düsseldorf. Die Vorsitzende des Deutsch-Ukrainischen Vereins, Linda Mai, besuchte am 20.03.2024 die Rheinmetall AG. Hier zu sehen im Interview mit David Ginster.
Als Dank für eine Spende des Vorstands überreichte sie der Presseabteilung des Konzerns ein besonderes Geschenk: eine kunstvoll bemalte Gepard-Patrone.

Man spricht dort also nur noch über das Kriegsgeschehen?
Andauernd! Also ich arbeite jetzt zwei Jahre im Lager in Köln, in dem wir die Hilfsgüter verpacken. Mir fällt das natürlich hier in Deutschland viel stärker auf.

Was wurde denn von Ihrem Verein kürzlich in die Ukraine geliefert?
Vor allem medizinische Rucksäcke, Krankenwagen und Stromgeneratoren. Allerdings verlagern wir den Transport medizinischer Güter in handelsübliche Fahrzeuge, da die russische Armee die eigentlich völkerrechtlich geschützten Fahrzeuge als allererstes unter Beschuss nehmen. Sie haben erkannt, dass man damit am meisten Schaden anrichten kann.

Im Foyer haben Sie erzählt, wie ständig Luftalarm ausgelöst wurde. Wie haben Sie das vor Ort erlebt?
Die Erwachsenen reagieren mittlerweile gar nicht mehr. Aber Kinder gehen und müssen auch immer in die Schutzräume. Ich musste vor Ort mindestens einmal am Tag in die Keller. Oft gibt es aber bis zu elf tägliche Luftalarme. Die Kinder fangen dann immer an zu singen. Sie bekommen an den Treppen einen festen „Partner“ an die Hand. Das Ziel ist, dass ein „Panik-Partner“ einen Mitschüler, der relativ souverän mit dem Alarm umgeht, an die Hand bekommt. Natürlich sind viele Kinder auch traumatisiert. Die Erwachsenen beleuchten dann mit ihren Handys im Keller immer die dunklen Gänge. Man riecht diese muffig-feuchten Räume und ich selbst habe gar nicht bemerkt, dass mir die Tränen herunterliefen. Die Kinder hatten unten alles vorbereitet und überbrücken die Zeit des Luftalarms mit malen. Das sind unglaubliche Bilder, die die Kinder da zeichnen. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Bild einer Viertklässlerin aus Czernowitz (Irina K.)

Sie haben uns ja vor ein paar Tagen Bilder aus der Ukraine mitgebracht. Wir hier in der Pressestelle bei Rheinmetall waren auch sehr ergriffen, von dem was wir auf den Bildern gesehen haben.
Ja, ich meine, wie alt ist man in der vierten Klasse? 10 oder 11 Jahre? Kinder sollten in dem Alter eigentlich ganz andere Dinge malen. Zunehmend werden Panzer gemalt mit deutschen und ukrainischen Flaggen. Die Bomben, die fallen, werden immer mit russischen Farben ausgemalt. Bewegt hat mich vor allem ein Bild eines Kindes, das sich selbst gemalt hat. Es schaut aus dem Fenster nach draußen auf ein Schlachtfeld mit Panzern und auf brennende Häuser. Aber dahinter ist eine Traumlandschaft, in der das Kind mit seinen Eltern über grüne Wiesen läuft.

Was fehlt zurzeit in der Ukraine am meisten?
Ich war vor dem Krieg nie für Waffen. Aber Diktatoren kannst du einfach nicht anders stoppen. Waffen sind für uns das wichtigste. Und daran fehlt es…
Wir verlieren nicht nur Menschen und Territorien, sondern auch Hoffnung. Ich war in vielen Krankenhäusern hinter der Front. Viele junge Männer befinden sich dort mit amputierten Gliedmaßen. Sie haben mich immer wieder gefragt: „Wie oft sollen wir es noch beweisen, dass wir es können? Wir haben die Russen fast ohne Waffen gestoppt. Und jetzt nach zwei Jahren haben wir kaum mehr Möglichkeiten.“ Ganze Frontabschnitte müssen aufgrund von Munitionsmangel aufgegeben werden. Die Stimmung im Dezember war so gut, als die Europäische Union Beitrittsverhandlungen eröffnet hat. Das hat sich mittlerweile sehr stark gewandelt.

Jüngst gab es in Deutschland die Äußerung eines Politikers, den Konflikt einzufrieren, um ihn später beenden zu können. Wie wurde das in der Ukraine wahrgenommen?
(Mai schlägt die Hände über dem Kopf zusammen) Einfrieren? Also meine Meinung dazu ist ganz klar, ich muss mich entschuldigen, da ich nach zwei Jahren Krieg meine diplomatischen Fähigkeiten ziemlich eingebüßt habe. Was heißt „einfrieren“? Die Russen haben 2014 die Krim annektiert. Die sind doch nicht friedlicher geworden. Der Westen hat weiter mit Russland gehandelt. Und nun hat Russland erkannt: Das klappt! Und acht Jahre später hat man uns richtig überfallen. Was ich denke? Es ist ein Riesenfehler! Es gibt kein Grund für die Russen aufzuhören. Russland hat in der Vergangenheit alle Verträge gebrochen.

Im Jahr 2012 wurde einmal eine Umfrage in Auftrag gegeben, in der gefragt wurde, ob man bereit wäre, sein Land mit Waffengewalt zu verteidigen. In Deutschland haben nur 16 Prozent der wehrfähigen Bevölkerung dem zugestimmt. In der Ukraine waren es damals stolze 89 Prozent. Hat sich das heute verändert?
Der Wille, Widerstand zu leisten, wird trotzdem noch größer. Aber wie lange wollen wir warten, bis sich die Ukraine verteidigen kann? Bis zum letzten Ukrainer? Die Kinder, die jetzt malen, die wollen alle Verteidiger werden. Natürlich haben wir in jeder Nation Menschen, die fliehen und sich das nicht vorstellen können, ihr Land zu verteidigen. Aber auch sehr viele Frauen melden sich immer noch freiwillig.

Gepard und Leopard in friedlichem Miteinander: Im Sommer 2023 hat Rheinmetall zur Einschulung ukrainischer Kinder 20.000 Euro für Schulranzen gespendet.

Vor dem Gespräch haben Sie gesagt: „Jeder Ukrainer weiß, wie man einen Molotowcocktail baut.“
(Mai lacht) Ja, das stimmt. Jeder kann sich zu Hause nun selbst einen Molotowcocktail bauen. Die Menschen haben aus verlassenen Fahrzeugen das Benzin abgepumpt und sich daheim ganze Lager von Brandsätzen angelegt.

Man sieht, dass der Wille, Russland zu bekämpfen, in allen Altersschichten sehr stark ist. Bis hin zur totalen Selbstaufgabe. Mir sagte mal jemand: „Linda mache dir keine Gedanken, sie werden uns nicht halten können.“ Ich habe damals erwidert: „Ja, aber wir haben nicht genug Waffen.“„Aber wir haben Mistgabeln! Und jeder hat ein Messer zu Hause.“ Jede Bombe, die tötet, macht die Ukraine widerstandsfähiger. Das war mein Eindruck vor Ort.

Wie sicher haben Sie sich in Frontnähe gefühlt?
Wenn die ballistische Rakete kommt, dann kommt sie halt. Man hat wenig Zeit, in Deckung zu gehen. Die Menschen vor Ort sagen nur: „Halt die Luft an und zähle bis 60. Dann atmest du aus.“ Das ist alles.
Du musst bereit sein zu sterben. Jeden Tag. Damit lebst du.

Wie haben Sie Menschen erlebt, die in Dörfern gelebt haben, die russisch besetzt wurden?
Die Menschen, die unter russischer Besetzung gelebt haben, bei denen ist das Licht in ihren Augen wie erloschen. Die Stadt Sumy haben die Russen damals nicht einnehmen können, weil der Widerstandswille der ukrainischen Zivilbevölkerung zu groß war. Sie kamen mit ihren Fahrzeugen einfach nicht in die Stadt. Hätten wir früher die Waffen gehabt, die der Westen nun geliefert hat, hätte man damals die russischen Streitkräfte viel früher zurückwerfen können. Obwohl wir für die Lieferungen sehr dankbar sind, kamen sie damals zu spät in der Ostukraine an.

In den Frontabschnitten verlieren nicht nur Menschen ihr Leben, auch die Tiere verlieren ihren Lebensraum. Von einst stolzen Wäldern sind oft nur noch Baumstümpfe als stumme Zeugen einer brutalen Schlacht übrig. Die älteren Tiere sind oft geflohen oder umgekommen, aber ich habe auch ein interessantes Verhalten der jüngeren Tiere festgestellt. (Linda Mai zeigt stolz einige Videos auf ihrem Handy) Schauen Sie hier, das sind junge Wildschweine, Katzen und Hunde. Sie suchen die Nähe von Soldaten. Aber auch Enten und andere Tiere sind dabei.

(Im Video macht es sich eine kleine Ente im Bart eines Soldaten bequem. Zwei kleine Katzen kuscheln sich in der grünen Tarnjacke eines Soldaten auf seinem Bauch ein. Mensch und Tier ruhen sich aus.) Diese Tiere haben oft ihre Eltern verloren und suchen aus lauter Verzweiflung dann die Hilfe bei Menschen; denjenigen, durch deren Krieg sie ihren Lebensraum verloren haben. Das passiert auf ukrainischer und auf russischer Seite. Sie folgen der Armee, weil sie dort Futter bekommen. Einige angeleinte Hunde sind bei der Flucht der Menschen leider verhungert, aber viele freilaufende Hunde sind richtig satt; Dadurch, dass überall so viele Leichen liegen.

Was hat sich in den Menschen im Allgemeinen verändert?
Die Menschen gehen liebevoller miteinander um und wissen den gegenwärtigen Moment mehr zu schätzen. Über die Russen werden hingegen sehr, sehr schwarze Witze gemacht. Das war vor dem Krieg natürlich anders.

Lassen Sie uns doch zum Abschluss noch einmal zur Stadt Czernowitz im Westen der Ukraine kommen. Dort hat Rheinmetall vor kurzem 20.000 Euro für Schulranzen für ukrainische Kinder gespendet. Wie nehmen Sie in Ihrem Verein das Unternehmen Rheinmetall wahr?
Die Bilder, die ich an Euch damals geschickt habe sprechen Bände. Die Kinder waren die stolzesten, die ich je gesehen habe. Rheinmetall hat in der Ukraine mittlerweile einen Kultstatus erreicht. Ich möchte im Namen der Kinder und des Vereins noch einmal meinen ausdrücklichen Dank dafür aussprechen.

Was möchten Sie den Entscheidern in Industrie und Politik noch sagen?
Wir können mit unserer humanitären Hilfe Menschenleben retten, also mit unseren Medizinrucksäcken; aber das was Ihr macht, das können wir nicht. Hätten wir mehr davon (Waffen, Anm. der Redaktion), hätten wir nicht so viel humanitäre Hilfe leisten müssen. Wir müssen uns verteidigen können. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Demokratie. Der politische Wille muss da sein. Wenn der Konflikt eingefroren wird, dann sind wir hier alle – auch in Deutschland – in Gefahr. Wohin soll sich die Demokratie noch zurückziehen? Das wird Schule machen. Dann haben wir bewiesen, dass es sich lohnt, Kriege zu führen. Dann hat die Demokratie vielleicht ganz verloren.

Frau Mai, vielen Dank für das Interview und bleiben Sie sicher auf Ihren lebensrettenden Fahrten in die Ukraine!

Das Interview führte David Ginster.

Für einen neutralen Staat wie Österreich ohne militärisches Bündnis ist eine schlagkräftige Landesverteidigung unabdingbar. Im Interview mit DIMENSIONS spricht die Verteidigungsministerin Klaudia Tanner über wehrhafte Demokratie, Milliardeninvestitionen und schnelle Beschaffungen – und wie sie damit das Bundesheer schon bald zu einer hochmodernen Armee machen will.

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(Foto: Bundesheer / Peter Lechner)

Klaudia Tanner,

Jahrgang 1970, ist Österreichs erste Bundesministerin für Landesverteidigung. Seit Januar 2020 ist die Politikerin (ÖVP) und Juristin im Amt. Zuvor war sie langjährige Direktorin des Niederösterreichischen Bauernbundes und Abgeordnete im niederösterreichischen Landtag. Seit März 2017 ist sie stellvertretende Landesparteiobfrau der Volkspartei Niederösterreich.

Frau Ministerin, dürfen wir das Gespräch mit einem Kompliment beginnen?
(lacht) Wir sind in Wien, wer sollte hier etwas dagegen haben?

Österreich hat mit den jüngsten Beschaffungen europaweit eine Pionierrolle in der bodengebundenen Fliegerabwehr eingenommen. Sie sind ganz vorne. Sind Sie sich dieser Rolle bewusst?
Ja, Österreich ist europaweit ein Vorreiter, was die Beschaffung des Skyranger-Systems betrifft. Und damit schließen wir als eines der ersten Länder die bestehenden Fähigkeitslücken im Bereich der mobilen Luftverteidigung – das ist schon etwas Einzigartiges. Darauf bin ich als erste Verteidigungsministerin Österreichs sehr stolz.

Sie verfolgen einen umfassenden Ansatz zur Neuaufstellung ihrer Fähigkeiten im Bereich der Nahbereichs-Flugabwehr. Sie modernisieren 35mm-Systeme, Sie beschaffen die mobile Fliegerabwehr Skyranger, und Sie verfolgen ein Projekt zur Drohnenabwehr. Was hat den Bedarf bei Ihnen entstehen lassen? Sind es die Kriege und Krisenlagen, von denen die Welt aktuell geprägt ist?
Eines ist klar: der konventionelle Krieg ist auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, ein Krieg der nun bereits ins dritte Jahr gegangen ist, hat vieles in der Welt verändert. Es hat sich weltweit ein sicherheitspolitischer Wandel vollzogen. Der Krieg in Israel hat dies nur bestätigt. Krisenherde, die vielleicht lange im Hintergrund geschlummert haben, flammen wieder auf, wie sich auch beispielsweise bei unseren Nachbarn am Westbalkan immer wieder zeigt. Die Welt ist eine unsichere geworden. Für mich war von Beginn an klar, wir müssen unser Bundesheer wieder zu einer modernen Armee machen und damit unsere wehrhafte Demokratie mitgestalten. Und jetzt umso mehr.

Das Geschehen in der Ukraine verfolgen Sie sicher aufmerksam…
Definitiv. Wir sehen, mit welchen Mitteln in der Ukraine gekämpft wird: Es gibt eine Vielzahl von Drohnenangriffen, bis hin zu Raketenangriffen aus der Luft. Das Schwergewicht hat sich jedenfalls hierhin verlagert. Und seit dem Absturz einer unbemannten und sechs Tonnen schweren Drohne in Kroatien sehen wir uns in der Auffassung bestätigt, dass wir uns auch in diesen Bereichen vorbereiten müssen.

Die deutsche Bundeswehr hat ihre Heeresflugabwehrtruppe vor zwölf Jahren aufgelöst und sich von der Fähigkeit zur Flugabwehr verabschiedet. Österreich hat daran immer festgehalten. Dafür hatten Sie sicher Gründe?
Wir als neutraler Staat und als Staat ohne militärisches Bündnis haben die wichtige Aufgabe, unsere Souveränität und unser Land mit allen verfügbaren Mitteln zu schützen. Zu Land, zu Luft und zu Wasser. Um dieser Aufgabe nachzukommen, braucht es gut ausgestattete Streitkräfte. Die Kernaufgabe des Österreichischen Bundesheeres ist die militärische Landesverteidigung und dieser können wir nur mit einer modernen und zeitgemäßen Ausstattung für unsere Soldatinnen und Soldaten nachkommen – für den Schutz unserer Neutralität.

Ich höre von meinen Kollegen im Bereich Air Defence, dass sie mit Ihren Leuten konzeptionell sehr eng zusammengearbeitet haben, dass gemeinsam Ideen entwickelt und umgesetzt worden sind. Man sieht, dass überzeugende Lösungen entstanden sind. Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit Rheinmetall?
Rückblickend auf die letzten Jahre hat die Zusammenarbeit reibungslos funktioniert und immer mit erfolgreichem Ergebnis, wie auch hier beim Fliegerabwehr-Turm „Skyranger“ zu sehen ist. Aber es sind ja vorrangig meine Expertinnen und Experten, an erster Stelle mein Rüstungsbeauftragter, der hier mit den Firmen zusammenarbeitet. Bisher gab es nur positive Rückmeldungen.

Klaudia Tanner im Gespräch mit Oliver Hoffmann, dem Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Rheinmetall, …
… und im TV-Interview mit österreichischen Medien anlässlich der Beauftragung des Fliegerabwehr-Turms „Skyranger“ von Rheinmetall.

Für welche Anwendungen und Szenarien erfolgt die Beschaffung der Systeme von Rheinmetall, also der verlegbaren 35mm-Flugabwehrlösungen und der Skyranger-Systeme auf Panduren?
Dieses System wird zum Beispiel für die Abwehr von Drohnen, aber auch von angreifenden Hubschraubern und Flugzeugen im Nahbereich eingesetzt. Dieses System schützt vor allem bei der Bedrohung durch Aufklärungs- und Angriffsdrohnen, wie wir sie derzeit in der Ukraine beobachten können. Und nachdem das Gerät auf dem Panduren integriert ist, kann der Pandur im Bedarfsfall auch autonom Missionen zur Luftverteidigung übernehmen.

Die Luftabwehr besteht aus einem Netz von vielen Komponenten…
Ja. Dazu gehört das System Goldhaube, das uns mit einem Lagebild versorgt, oder die Fliegerabwehrlenkwaffe MISTRAL 3, die ebenfalls auf den Turm montiert werden wird oder die 35mmm Feuereinheiten, deren Nutzungsdauerverlängerung wir ebenfalls in die Wege geleitet haben. Und hier fügt sich die Beschaffung des Pandur Evolution in der Version „Fliegerabwehr“ mit dem System „Skyranger“ in dieses Netz ein und ist ein weiterer Meilenstein zur Abwehr von Bedrohungen aus der Luft.

Österreich hat den Aufbauplan 2032+ für das Bundesheer mit einem Volumen von 18 Milliarden Euro aufgelegt. Ihre bisherige Einkaufsliste liest sich beeindruckend. Welche Projekte wurden bisher realisiert?
Mit einem Investitionsvolumen von 560 Millionen Euro werden jetzt bis zum Jahr 2029 insgesamt 170 gepanzerte Fahrzeuge modernisiert sein. Das betrifft 58 Kampfpanzer Leopard 2 A4 und 112 Schützenpanzer Ulan. Es ist nach dem großen Investitionspaket zur Beschaffung von 36 Hubschraubern des Typs AW169 ‚Lion‘ um 873 Millionen Euro der nächste große Schritt zu einem modernen Heer, den wir gesetzt haben. Aber auch 1.300 Logistikfahrzeuge, die wir von Rheinmetall beziehen, sind für die Mobilität unserer Soldatinnen und Soldaten wichtig. Des Weiteren modernisieren wir wie bereits gesagt unser derzeitiges Waffensystem ‚Fliegerabwehrsystem 35 mm‘. In den nächsten fünf Jahren soll es umfangreich modifiziert und für künftige Herausforderungen optimiert werden. Und jetzt haben wir einen Vertrag für weitere 225 Pandur Fahrzeuge unterzeichnet, mit einem Investitionsvolumen von 1,8 Milliarden Euro, für zwölf verschiedene Varianten, von denen 36 den Skyranger-Turm erhalten werden.

Welche wichtigen Projekte umfasst der Aufbauplan noch?
Wesentlich ist es, die Modernisierung des Bundesheeres ins Zentrum zu stellen. Darunter sind unter anderem die Entscheidung für die Nachfolge der Advanced Jettrainer, die Umsetzung einer Zwei-Flotten-Lösung im Bereich der Hubschrauber wie auch die Vertragsunterzeichnung für die Nachfolge der Hercules geplant. Weiters werden die Pläne zur Modernisierung der Panzerflotte und auch die Umsetzung für den Schutz und die Ausrüstung der Soldaten vorangetrieben. Aber auch am Projekt „European Sky Shield“ wird weitergearbeitet.

Einen wesentlichen Fokus setzen Sie bekanntlich auf den Personalbereich…
Ja, dies ist auch ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Wir müssen weiter daran arbeiten, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Fakt ist, wir müssen in vielen Bereichen investieren, das reicht von der Ausstattung der persönlichen Ausrüstung unserer Soldaten bis hin zu den militärischen Infrastrukturen, die wir auch autark gestalten wollen. Es gibt noch genug zu tun.

In Deutschland, wo es ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr gibt, dauert manchen die Umsetzung zu lang. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Projekte in so kurzer Zeit unter Vertrag zu nehmen?
Bereits im Jahr 2020 haben wir mit einer Erhöhung des Verteidigungsbudgets begonnen. Also noch vor dem russischen Angriffskrieg war mir klar, dass das Bundesheer in die heutige Zeit passen muss. Mein Ziel war es, dies mit allen meinen zur Verfügung stehenden Mitteln auch zu tun. Das hat uns sicherlich einen zeitlichen Vorsprung verschafft. Nebenbei sind es auch meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unsere gemeinsamen Ziele, also unser Bundesheer modern zu gestalten, vorantreiben und hier tatkräftig anpacken.

In Deutschland sprechen wir von der Zeitenwende. Was hat die sicherheitspolitische Zäsur vom Februar 2022 in Österreich ausgelöst? Welche Unterschiede sehen Sie?
Wir haben auch von einer Zeitenwende gesprochen. Ich glaube, hier kann ich man nicht zwischen den Ländern unterscheiden. Ich denke, ganz Europa wurde wachgerüttelt, als es zu diesem sicherheitspolitischen Einschnitt gekommen ist. Es hat für uns alle etwas verändert – die Landesverteidigung und die Sicherheit und der Schutz unserer Länder ist in den Fokus gerückt. Und dies gilt es jetzt voranzutreiben.

Österreich hat sich Neutralität auferlegt, vergleichbar etwa der Schweiz. Wie ist die Bedrohungswahrnehmung Ihres Landes, unterscheidet sie sich etwa von der anderer EU-Staaten?
Wie schon erwähnt, wir sehen die verschiedenen Krisenherde und Kriege genauso kritisch und bedrohlich wie andere Länder auch. Das zeigen wir auch in unserer Publikation „Risikobild 2024 – die Welt aus den Fugen“. Was uns unterscheidet, ist die Vorsorge und Vorbereitungen, die wir als neutrale Staaten treffen müssen. Und wenn wir die Menschen in unserem Land schützen wollen, dann müssen wir auch in unsere Vorsorgeversicherung, und das wäre in diesem Fall unser Bundesheer, investieren. Wir müssen in die militärische Landesverteidigung investieren.

Österreich ist im vergangenen Jahr der European Sky Shield Initiative beigetreten. Wie stehen die oben genannten drei Projekte zu dieser Initiative?
Ich denke, dass wir mit der mobilen Luftverteidigung, wie es der Skyranger ist, schon einen wesentlichen Beitrag leisten. Skyranger ist als Begleitschutz zu sehen, ganz nach dem Prinzip „Defend the defender“, und es kann und wird sicherlich einen wichtigen Part im Rahmen von European Sky Shield Initiative spielen. Denn was diese bodengebundene Luftabwehr kann, ist es, die extrem verwundbaren Systeme im Bereich der mittleren und Langstrecke effektiv zu schützen. „Skyranger“ gilt außerdem als Gamechanger in der militärischen Drohnenabwehr.

Frau Ministerin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Oliver Hoffmann.

Exoskelette erleichtern den Produktionsbeschäftigten in Kassel die Arbeit.

Steigt Tony Stark in seinen legendären Iron-Man-Anzug, wird aus dem Ingenieur und Rüstungsindustriellen ein Superheld, der mit seinen übermenschlichen Kräften auf der Kinoleinwand das Universum rettet. Selbst wenn die heute am Markt verfügbaren Exoskelette mit der Hightech-Ausrüstung der Marvel-Verfilmungen kaum konkurrieren können, haben sie doch eines gemeinsam: Sie erleichtern dem Menschen, der sie trägt, Kraftanstrengungen. Ursprünglich für militärische Einsätze und die medizinische Rehabilitation von Querschnittsgelähmten konzipiert, finden Exoskelette zunehmend Einzug in die Produktionshallen der Industrie. So wie am Rheinmetall-Standort in Kassel, wo der Rüstungs- und Technologiekonzern taktische Radfahrzeuge entwickelt und fertigt.

Knapp zwei Kilo wiegt das Exoskelett der Marke Ottobock, das die Lager- und Produktionsmitarbeiter von Rheinmetall entlastet, wenn sie über Kopf arbeiten. Mit Hilfe einer ausgeklügelten Feder- und Seilzugtechnik verringert das Gerät merklich die Anstrengung bei Überschulteraktivitäten. Getragen wird das Exoskelett wie ein Rucksack: Schultergurte anlegen, Riemen an Hüftgurt und Armen festschnallen, fertig. Dank der biomechanischen Rückendeckung werden Schultermuskeln und -gelenke bei der Arbeit weitaus weniger belastet. Auch beim Heben unterstützt das Exoskelett die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Rheinmetall. Unterm Strich bedeutet das: mehr Ergonomie am Arbeitsplatz, weniger körperliche Beschwerden und damit gesunde und produktive Beschäftigte.

Aktuell gerät auch die Elektrifizierung des Off-Road-Bereichs, beispielsweise bei Baumaschinen, zunehmend in den Fokus etablierter Hersteller – und dies nicht allein aufgrund der dadurch ermöglichten längeren Einsatzzeiten. Auch Start-ups sowie Hersteller weiterer Maschinen, die für Arbeiten in Gelände oder Landwirtschaft ausgelegt sind, suchen nach innovativen Lösungen für ihre effizienten elektrifizierten Produkte.

Was macht ein Thermomodul?

Seine Aufgabe ist die Temperaturkonditionierung der Akkus von Elektroantrieben. Dabei folgt die von Rheinmetall für diese Geräte eingesetzte Luft-Wasser-Wärmepumpe dem Kühlschrankprinzip. Der Prozess bewirkt so bei hohen Außentemperaturen, dass Kühlflüssigkeit aus dem Akkupack über einen Wärmetauscher läuft, um anschließend die Batterie selbst oder eine Fahrerkabine mit einer Kühlleistung von bis zu 8 kW zu temperieren. Umgekehrt wird der Prozess bei kühlen Temperaturen: Die „Restwärme“ der Außenluft wird dann zur Wärmegewinnung im Innenraum und zum Temperieren der Batterie genutzt. Angesichts maximal 11 kW Heizleistung werden Zusatzheizungen so praktisch hinfällig.

Ein Trend, dem auch Rheinmetall entspricht. So arbeitet das Unternehmen aktuell unter anderem an Komponenten für elektrifizierte Fahrzeuge im Off-Road-Bereich. Ziele sind dabei, die Reichweite zu erhöhen oder die mögliche Einsatzdauer zu verlängern.

Mit seinem Neckarsulmer Team ist beispielsweise Michael Lutz als Geschäftsfeldmanager für „Energy Recovery Systems“ in diesem Bereich aktiv. Die Entwickler in Baden-Württemberg arbeiten zurzeit an der Marktreife eines Thermomoduls, das als Komplettlösung für unterschiedlichste Fahrzeugtypen oder sogar Boote entwickelt wurde. Aufgabe des Moduls, das dem Prinzip der Wärmepumpe folgt, ist es, die für den elektrischen Betrieb eingesetzten Batterien in einem Temperaturfenster zu halten, in dem sie ihre optimale Leistung abgeben können. Dabei wird gekühlt oder geheizt, je nach Betriebszustand und Außentemperatur. In gleicher Weise lässt sich das Modul für die Temperierung von Fahrerkabinen einsetzen.

Schnell integriert

Große Vorteile der Entwicklung von Rheinmetall sind ihre Kompaktheit und Modularität. Das System ist als fertige Plug and Play-Lösung ab Werk vormontiert und mit Kältemittel befüllt. Es kann so problemlos und vor allem ohne großen Aufwand in vorhandene Fahrzeugarchitekturen eingebaut werden. Dazu Lutz: „Im Gegensatz zu den in der Automobilindustrie zurzeit präferierten Systemen sind die Einzelkomponenten unseres Moduls nicht über das gesamte Fahrzeug verteilt und wir kümmern uns mit unserem langjährigen Know-how aus der Automobiltechnik auch um die Integration unserer Komplettlösung in den Antriebsstrang des Kunden.“ Ein weiterer zentraler Vorteil der Neckarsulmer.

Breites Interesse

Deren Kundenkreis ist in der aktuellen Prototypenphase denn auch überaus breit gestreut. Dazu zählen nicht nur Hersteller von Baumaschinen und Traktoren. Genauso interessiert sind beispielsweise Hersteller von Elektrobooten, aber auch Lkw- und Bushersteller sowie Produzenten weiterer landwirtschaftlicher Maschinen oder Firmen aus dem Bereich Bergbau. Die dabei eingesetzten Energieformen beschränken sich allerdings nicht allein auf die Batterieelektrik. Auch Hersteller von Brennstoffzellenantrieben zeigen Interesse an dem kompakten Modul.

Durch seine Kompaktheit und Flexibilität lässt sich das Thermomodul in unterschiedlichsten Fahrzeugarchitekturen einsetzen (Foto: Thomas Ninow)

Voller Stolz auf sein Vertriebsteam kann Lutz zurzeit auf mehr als fünfundzwanzig Kunden verweisen, die seine Lösung für ihren Einsatzzweck anhand von Prototypen prüfen oder bereits einen Serienauftrag platziert haben. In Neckarsulm wurde deshalb bereits 2023 eine Kleinserienfertigung aufgestellt, die problemlos erweiterbar ist, sollten weitere Aufträge folgen.

Großes Marktpotenzial

Auch für Marcus Gerlach, Leiter der Central Division des Rheinmetall Konzerns, steht fest: „Die Märkte für das Thermomodul entwickeln sich zurzeit sehr schnell. Auch wenn wir aktuell noch vornehmlich mit kleineren Volumina befasst sind, eröffnet diese Technologie enormes Potenzial. Darüber hinaus zeigen unsere Schwestergesellschaften in der Wehrtechnik ebenfalls Interesse.“

Der Bereich, der übrigens schon früh auf die fortschrittliche 800-Volt-Technik gesetzt hat, streckt deshalb seine Fühler auch in vollkommen neue Einsatzbereiche außerhalb der Fahrzeugtechnik aus, die zudem ein deutlich höheres und langfristiges Marktpotenzial versprechen.

Und die Motivation für die aktuell vorhandenen Interessenten, auf ein Thermomodul zu setzen, ist angesichts der Verlängerung von Reichweite und Einsatzmöglichkeiten mehr als nachvollziehbar, zumal beispielsweise ein elektrischer Bagger gerade im innerstädtischen Bereich allemal weniger störend und somit zeitlich auch viel länger einsetzbar sein dürfte.

Auf dem Grund der Nord- und Ostsee befindlichen sich große Mengen an Kampfmitteln, die dort überwiegend nach dem Zweiten Weltkrieg versenkt worden waren. Wegen ihrer Alterung im Gewässer stellt die Munition eine zunehmende Gefahr für Mensch und Umwelt dar. Rheinmetall und eine internationale Arbeitsgruppe von maritimen Spezialfirmen bieten diesbezüglich eine Lösung in Form einer schwimmenden Arbeitsplattform an. Hierdurch soll im Weiteren der Ausbau der Windkraft in Nord- und Ostsee gesichert werden.

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Herausforderung Kriegsmunition in den Meeren

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs liegen in den Tiefen der Nord- und Ostsee große Mengen an Kriegsmunition. Diese Überreste vergangener Schlachten stellen eine große Herausforderung dar. Die Bergung und sichere Entsorgung dieser Munition ist von entscheidender Bedeutung, um potenzielle Risiken für Mensch und Umwelt zu minimieren.

Aus den Tiefen des dunklen Meeres kommt ein ovales, mit Muscheln bedecktes Objekt zum Vorschein. Es ist eine Artilleriegranate aus dem Zweiten Weltkrieg, die fast 80 Jahre auf dem Grund der Ostsee am Meeresgrund ruhte und nun auf eine schwimmende Arbeitsplattform gehoben wird.

So geschehen im Seegebiet nördlich des Darß in Mecklenburg-Vorpommern, wo in den kommenden Jahren der modernste Offshore-Windpark der Ostsee entstehen soll. Insgesamt sollen hier, zusätzlich zu dem bereits seit zehn Jahren in Betrieb stehenden Offshore-Windpark Baltic 1, 103 Windräder aufgestellt werden, um nachhaltigen Strom nach Deutschland und Skandinavien zu liefern. Doch bevor es losgehen kann, muss das Meeresgebiet von explosiven Kampfmittel geräumt werden. Diese todbringenden Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, die auch heute noch vom Meeresboden aus eine erhebliche Gefahr für Umwelt, Schifffahrt und die Sicherheit der Küstenbewohner darstellen, wurden nach Kriegsende 1945 u.a. in der Lübecker Bucht versenkt. Im Zuge der Installation von zusätzlichen Windrändern, der Verlegung von Kabeltrassen und der Wartung der bereits vorhandenen Anlage muss nun das gesamte Areal sondiert und geräumt werden.

Unterwasserbergung von Munition mit Hilfe eines WROVs und eines Subsea Crawlers.
Eine Artillerie-Granate wird unter Wasser bewegt.

Die angestrebte Energiewende in Deutschland hat Offshore-Windparks eine Renaissance beschert.

Auch der erste kommerzielle Offshore-Windpark der Nordsee, BARD Offshore 1, wird mit seinen 80 vorhandenen Windrädern nun umfassend gewartet. Die hier anstehenden intensiven Wartungsvorhaben erfordern ebenfalls eine vorherige Sondierung von Kampfmitteln am Meeresgrund, um den Windpark sicher betreiben zu können.

Die Überwasser-Wartung, also der Tausch von Turbinen und die Wartung der Rotorblätter, werden von sogenannten Jack-Up Vessels durchgeführt. Diese intelligenten Schiffe können sich wie mobile Ölbohrplattformen aus dem Wasser drücken; sodass die erforderlichen Arbeiten unabhängig von Wetter und Seegang ausgeführt werden können.

Das Risiko, die Füße der Schiffe beim Absenken auf den Meeresboden in unsondierten und nicht geräumten Bereichen auf ein Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg zu setzten, ist jedoch allgegenwärtig. Es ist dann mit unkalkulierbaren Schäden zu rechnen, die im schlimmsten Fall den Ausfall eines Windrades und Gefahr für die Techniker bedeuten könnten.

Rheinmetall hat als Konzern im Offshore Windpark BARD 1 bereits seit Mai 2023 für eine Teil- Sondierung und Räumung des mit Kampfmitteln kontaminierten Meeresbodens gesorgt. 14 Unterwasser-Arbeitsgebiete wurden in der Folge umfassend sondiert.

Ein Kystdesign Work Class Remotely Operated Vehicle (WROV) wird für den Einsatz zu Wasser gelassen.
Blick auf den Arbeitsplatz der WROV-Piloten.

Die sogenannte EntsorgungsModuleMunitionsAltlasten (EMMA) – ein Projekt der Rheinmetall Project Solutions GmbH, German Naval Yards und WilNor Governmental Services – sorgt nun mit ihrer Arbeitsgruppe im Windpark BARD Offshore 1 für eine umfassende Sondierung und Räumung des Meeresbodens. Dabei arbeiteten On- und Offshore-Teams Hand in Hand.

Im Sommer 2023 konnte die Rheinmetall Project Solutions GmbH ein zweites Mal im Offshore Windpark BARD 1 aktiv werden, um 20 weitere Bereiche zu untersuchen. Besonders im Fokus stand für das Team um Kai-Uwe Mühlbach, Senior Vice President Programs, die Überprüfung von drei Verdachtsobjekten. Eine britische Grundmine wurde anhand vorangegangener Scans vermutet. Die Bestätigung kann in einem solchen Fall nur durch eine erfolgreiche Sondierung erfolgen. Raue See und ein aufziehender Sturm erschwerten die Arbeiten und verlangten Mensch und Ausrüstung einiges ab. Dann konnte Entwarnung gegeben werden: Die vermuteten Kampfmittel entpuppten sich bei der gründlichen Sondierung als Metallschrott und stellten daher keine Gefahr dar. In den kommenden Jahren werden Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee immer größere Bedeutung gewinnen. Das Projektteam von Rheinmetall ist daher stolz, seinen fachlichen Beitrag zur Gewinnung nachhaltiger Energie leisten zu können.

„Mit unserem Ansatz schützen wir die Unterwasserwelt und ihre Bewohner bestmöglich und beugen künftigen Gefahren vor“, so Dr. Deniz Akitürk, Geschäftsführer der Rheinmetall Project Solutions GmbH. „Die Zeit drängt, denn der Zustand der Munition verschlechtert sich. Auswirkungen auf die Umwelt werden bereits sichtbar.”

Munitionsaltlastentsorgung „EMMA“

Die Zusammenarbeit der Unternehmen WilNor Governmental Services AS und Rheinmetall zielt auf den sicheren Betrieb von Offshore-Windenergie und eine umweltfreundliche Entsorgung von Kampfmitteln auf See ab. Mit innovativer Technologie und einem engagierten Team haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Meere von gefährlichen Überbleibseln vergangener Konflikte zu befreien. Um künftig jährlich mehrere hundert Tonnen an Kriegsmunition zu vernichten, haben die Projektpartner hierfür eine Plattform entwickelt.

Design der EMMA-Plattform, auf dem die Kriegsmunition vernichtet werden soll.

Als Voraussetzung für den Bau der Plattform sollen 2024 noch entsprechende Verträge geschlossen werden, damit diese im Anschluss schnellstmöglich in Betrieb gehen kann. Der Bedarf ist enorm: Fachleute schätzen die Gesamtmenge der in Nord und Ostsee versenkten Munition und Munitionskomponenten auf fast 1,6 Millionen Tonnen.

Der Transport der Kampfmittel auf der Plattform in der ersten Ausbaustufe erfolgt zunächst halbautomatisch, in der Endausbaustufe dann voll automatisiert. Von der Plattform aus erfolgt die Logistik zum Betrieb und zur Versorgung der Bergungsroboter. Eine komplexe Anlage mit Steuer- und Kontrollständen, Versorgungstanks, Sanitäreinrichtungen, Werkstätten, Ruheräumen und Aufenthaltsräumen sind Teil dieser imposanten schwimmenden Anlage.

Da die Basis des Konzepts auf einer marktverfügbaren Nordsee-Barge (27m x 90 m) fußt, können die meisten Komponenten (Sägen, Öfen, Labor) bereits industriell beschafft werden; ein großer und vor allem zeitbringender Vorteil für das Projekt.

Nach der Separierung an Bord werden die Kampfmittel den Brennöfen zugeführt, um im Endausbau ein modulares System aus thermischen Entsorgungsstraßen im durchgehenden Betrieb zu ermöglichen. An 24 Stunden, 7 Tage in der Woche sollen zukünftig dann gefährliche Kriegshinterlassenschaften für immer unschädlich gemacht werden.
Aber es bleibt viel zu tun; denn selbst mit 15 einsatzfähigen Bargen wird die Räumung von Munition am Meeresgrund noch Jahrzehnte andauern.

Ausblick

In den Windparks in Nord- und Ostsee sollen bis 2030 insgesamt 30 Gigawatt an nachhaltigem Strom produziert werden. Bis 2045 sind sogar 70 Gigawatt Leistung geplant. Rheinmetall leistet mit dieser Unterstützungsleistung einen signifikanten Beitrag für die Nachhaltigkeitsziele von EU und der Bundesrepublik Deutschland.

Am Pierburg-Standort im tschechischen Ústí nad Labem schlägt das Herz für die Automobilindustrie. Die Zukunft birgt für den Zulieferer einige Herausforderungen – die mit technischem Know-how und einer beispielhaften Unternehmenskultur angenommen werden.

Pierburg s.r.o. Ústí

Automotive-Spezialist im Herzen Europas: Pierburg s.r.o. wurde im April 2004 in Ústí nad Labem in Tschechien gegründet. Das Unternehmen gehört zur Division „Power Systems“ der Rheinmetall AG.

Geschäftsfelder

Die Produkte von Pierburg s.r.o. sind hauptsächlich für Teilsysteme bestimmt, die auf die Reduzierung von Emissionen und das Management der Luftzufuhr ausgerichtet sind, wie Aktuatoren, Steuergeräte, Abgasrückführungssysteme, Sekundärluft-pumpen und Abgasdämpfer. Doch auch Bauteile für Elektrofahrzeuge rücken in den Fokus.


Mitrarbeiter

286


Geschäftsführer

Dr. Andreas Müller und Sascha Günther

Knapp 60 Kilometer von Dresden entfernt liegt die osteuropäische Dependance von Pierburg s.r.o. in Ústí nad Labem. Hier in der Tschechischen Republik werden seit beinahe 20 Jahren vor allem Abgas-steuer- und -rückführungssysteme für Pkw und Lkw produziert. 21 Montagebänder laufen in den blitzsauberen Hallen, bis zu 160 unterschiedliche Produkte werden hier gefertigt. Zu den Kunden gehören Autobauer wie Renault, Mazda und VW, der Standort erwirtschaftet aktuell einen Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Circa 135 der 286 Mitarbeiter sind Bandarbeiter.

Dass das Unternehmen stabil und gesund ist, ist nicht selbstverständlich – gerade im Hinblick auf die schwierige Lage, in der sich die ganze Branche befindet. Pierburg in Ústí musste sich, wie seine Mitbewerber, Herausforderungen wie der Diesel-Krise, der Corona-Pandemie oder Lieferengpässen bei elektronischen Komponenten stellen, aber: „Wir haben sie alle gemeistert“, sagt Sascha Günther, Geschäftsführer und Standortleiter von Pierburg in Ústí.

Auf den Wandel vorbereitet

Neben all den oben genannten Herausforderungen steht in der Mobilitätsbranche seit Jahren ein Elefant im Raum: die Zukunft des Verbrennungsmotors. Pierburg ist längst dabei, sein Portfolio zu diversifizieren und nicht mehr ausschließlich von Verbrennungsmotoren abhängig zu sein. „Mit Rheinmetall haben wir einen sehr starken Mutterkonzern, der uns unseren Rücken stärkt und uns auch finanzielle Mittel zur Verfügung stellt, um diesen technologischen Wandel hinzubekommen“, erläutert Sascha Günther. „In vier Jahren ist geplant, dass circa 40 Prozent unseres Umsatzes mit Bauteilen für Elektromobilität sowie ein weiteres Viertel mit Lkw-Anwendungen erwirtschaftet wird.“

Ab 2026 wird Pierburg in Ústí einen Hochvoltschutz für Elektrofahrzeuge produzieren, entwickelt in Zusammenarbeit mit BMW. Dieser unterbindet im Falle eines Crashs, vereinfacht ausgedrückt, die Stromzufuhr beim E-Auto und erleichtert damit signifikant Bergungsarbeiten. Aber trotz des Hypes um E-Autos – so schnell werden die Stromer den Automarkt nicht komplett übernehmen, glaubt der Standort-Chef. „Der Lkw-Bereich wird noch lange Zeit auf Verbrennungsmotoren oder alternative Antriebssysteme wie Wasserstoffanwendungen setzen.“

Erfolgsgarant Firmenkultur

Dass Sascha Günther der Zukunft so zuversichtlich entgegenblickt, liegt nicht nur an den wirtschaftlichen Prognosen. „Die größten Erfolgsgaranten sind unsere Firmenkultur und die Qualität unserer Belegschaft am Standort.“ Die Basis eines jeden erfolgreichen Unternehmens sind die Mitarbeiter, diesen Leitsatz hat man in Ústí verinnerlicht. Und um gute Mitarbeiter zu gewinnen, Tschechien hat mit derzeit 2,8 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote innerhalb der Europäischen Union, hat sich das Management-Team so einiges einfallen lassen.

„Wir fördern die Kreativität der Mitarbeiter und investieren in ihre persönliche Entwicklung. Zudem geben wir den Mitarbeitern den Spielraum, um ihr Können bestmöglich für das Unternehmen einzusetzen, entsprechend den Rheinmetall-Werten Vertrauen, Respekt und Offenheit“, sagt Sascha Günther. Betriebsklima und Firmenkultur sind Themen, die dem 51-Jährigen gebürtigen Koblenzer sichtlich am Herzen liegen – und auf deren Umsetzung er stolz ist. „Wir pflegen eine Kultur des Miteinanders und der Teamorientierung. Unsere Mitarbeiter geben uns auch deswegen viel zurück – all dies zeigt sich auch am Resultat unserer EFQM-Bewertung.“ Die kann sich tatsächlich sehen lassen: Im November 2023 belegte Pierburg s.r.o. Ústí beim tschechischen National Quality Award für EFQM den zweiten Platz.

Ganzheitliches Qualitätsmanagement

Das Qualitätsmanagement-System EFQM (siehe Kasten) wird bei Pierburg s.r.o. in Ústí bereits seit 2015 angewendet. Es ermöglicht eine ganzheitliche Herangehensweise an das Qualitätsmanagement. Durch die Bewertung von Faktoren wie Führung, Prozessen und Ergebnissen identifiziert EFQM die Stärken und Schwächen in der Organisation des Unternehmens und hilft auf diese Weise, gezielte Verbesserungen vorzunehmen. „Der Kerngedanke von EFQM ist der Ansatz zur permanenten Verbesserung“, erklärt Sascha Günther. Der Diplom-Kaufmann hat sich 2020 sogar selbst zum EFQM-Assessor ausbilden lassen und bewertet in dieser Funktion auch andere Unternehmen.

Ein gut funktionierendes Unternehmen nützt nicht nur den Mitarbeitern, sondern natürlich auch dem Kunden. Sascha Günther sieht Pierburg nicht nur als Zulieferer, sondern auch als Partner der Automobilindustrie. Auch dieses gute Miteinander ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Unternehmens. Auf dieser Basis, so ist Sascha Günther überzeugt, „wird Pierburg auch in Zukunft ein relevanter Partner für die Automobilindustrie sein.“ Mit dem Wandel im Blick und dem Vorantreiben von Innovationen ist Ústí bereit für das, was die Zukunft bringen wird.

Qualität ist mehr als ein gutes Produkt

„European Foundation for Quality Management“ (EFQM) gilt als einer der ausgereiftesten Ansätze zur Messung der Leistung von Unternehmen. Das Modell basiert auf drei Säulen:
Ausrichtung des Unternehmens in Bezug auf Zweck, Vision, Strategie, Organisationskultur und Organisationsführung.
Realisierung der Verbesserungsmaßnahmen nach bestimmten Kriterien. Dazu gehören u.a. Management, Politik und Strategie, Mitarbeiter, Prozesse, Partnerschaften und Ressourcen.

Ergebnisse: 1.000 Punkte kann ein Unternehmen maximal erreichen. Über 500 Punkte gelten als sehr gutes Ergebnis. Im Jahr 2019 erzielte Pierburg s.r.o. in Ústí mit 538 Punkten fünf Sterne für Exzellenz und belegte beim tschechischen National Quality Award Platz 4. 2023 kam das Unternehmen dort bereits auf Platz 2. Das Ziel im Jahr 2024: 600 Punkte – und der Griff nach Platz 1.

Bereits in jungen Jahren beweist Frank Pape in der boomenden Callcenter-Branche Unternehmergeist. Es folgt eine steile Beraterkarriere in Regierungskreisen und Konzernvorständen. Heute begleitet der Jetsetter von damals ehrenamtlich auf seinem Reiterhof Sterbende und Menschen in Not. Finanziert wird das private Hospiz über die Familienrösterei und Chocolaterie Pape, zu deren Kunden auch Rheinmetall zählt.

(Foto: Nicole Pape)

Frank Pape,

Jahrgang 1970, ist Sozialaktivist, Unternehmer und Autor. Sein Buch „Gott, du kannst ein Arsch sein“ schaffte es in die Spiegel-Bestsellerliste und wurde mit Til Schweiger und Heike Makatsch in den Hauptrollen verfilmt. In seiner Biografie „Ich mit Risiken und Nebenwirkungen“ gibt Frank Pape einen privaten Einblick in die Achterbahn seines außergewöhnlichen Lebens. Der fünffache Vater lebt und arbeitet mit seiner Familie in Preußisch Oldendorf.

Als Frank Papes Tochter Mary mit 15 Jahren die Diagnose Lungenkrebs erhält und ihr nur noch wenig Zeit zum Leben bleibt, beginnt sie, darüber zu schreiben. Auf ihren Wunsch hin veröffentlicht ihr Vater die bewegende Geschichte ihrer letzten 296 Tage als Buch. Das Echo auf den Roman und seine spätere Verfilmung sind enorm. In der Folgezeit wenden sich viele Menschen hilfesuchend an Frank Pape und seine Frau Nicole. „Meist sind es Sterbende, Missbrauchsopfer oder Trauernde, die mit ihrer Angst, ihrem Schmerz oder in ihrer Zeit, die sie noch haben, wie unsere Tochter liebevoll und mit einem Lächeln begleitet werden möchten“, berichtet der ausgebildete Seelsorger und Unternehmer.

Frank Pape gründet ein Hospiz. Auf seinem Reiterhof in Getmold finden schwerkranke oder traumatisierte Menschen fortan einen Rückzugsort. Mit viel Empathie, Hingabe und Mut teilt der überzeugte Christ dort mit seinen Gästen die schwersten Stunden ihres Lebens. Lacht, weint und leidet mit ihnen. Als er und seine Frau ihr soziales Engagement nicht mehr aus eigener Tasche finanzieren können, machen sie aus ihrer Passion für Kaffee und Schokolade eine Geschäftsidee: die „Familienrösterei Pape“.

Der ehemalige Strategieberater wird zum ausgebildeten Konditormeister und Chocolatier. Der Großteil des Gewinns fließt in „Ein Lächeln für dich“, wie der gemeinnützige Verein der Papes heißt. Das Ehepaar betreibt erfolgreich Marketing, kann Wirtschaftsunternehmen wie Rheinmetall gewinnen, ihren Kaffee für den guten Zweck und in bester Fairtrade-Qualität von der Familienrösterei zu beziehen. „Die Geschichte von Frank Pape hat uns tief bewegt“, sagt Philipp von Brandenstein, der beim Rüstungs- und Technologiekonzern Rheinmetall die Unternehmenskommunikation verantwortet. „Was das Hospiz menschlich und gesellschaftlich leistet, verdient höchsten Respekt und unsere Unterstützung.“

Purpose statt Profit. Das ist es, was den heute 53-jährigen Pape umtreibt. Und mit dieser Haltung steht er nicht alleine da. Ganze Generationen möchten inzwischen nicht nur Geld verdienen, sondern eine Arbeit verrichten, die der Gesellschaft nutzt, sie besser und gerechter macht. Früher sei das bei ihm anders gewesen, sagt Pape. Mit 23 Jahren gründet er eines der ersten Callcenter in Deutschland. Sein Startup expandiert schnell. Neben Banken und Versicherungen gehören schon bald Mobilfunkgesellschaften zu seinen Kunden. Der Markt boomt. Callcenter werden zur neuen Marketingwaffe in der Neukundengewinnung. Und Frank Pape entwickelt dafür die Strategien. Seine anschließende Karriere als Berater führt ihn in hohe politische und wirtschaftliche Kreise. Er arbeitet zunächst im Beraterstab der Regierung von Malta. Später ist er bei HSBC, einem der größten Finanzinstitute der Welt, als Vorstandsberater tätig.

Die Tage des Top-Managers sind bestimmt durch Marketing- und Absatzstrategien, Krisenmeetings und Geschäftsabschlüsse. Er fliegt zum Frühstück nach Paris, isst nach einem Meeting in London zu Mittag und genießt am Abend die untergehende Sonne am Meer. „Ich hatte ein Jetset-Leben“, blickt Frank Pape auf die damalige Zeit zurück.

Doch irgendwann stellt er sich die Sinnfrage. Er gründet sein eigenes Strategieberatungsunternehmen, zieht aufs Land, lässt sich zum Notfallseelsorger ausbilden und engagiert sich in der Sterbebegleitung. „Die Sozialarbeit gab mir das Gefühl, etwas Gutes zu tun“, erzählt Pape. Seit dem Tod seiner Tochter ist sie zu seiner Lebensaufgabe geworden. Neben seinem Hospiz ist er in der Jugend- und Präventionsarbeit tätig, hilft Mobbingopfern und sensibilisiert für die Gefahren des Drogenkonsums. „In ihren letzten Tagen betonte meine Tochter, wie wichtig es sei, jedem Tag einen Sinn zu geben“, erinnert sich Pape. „Und ja, sie hatte recht.“

Immer mehr Mobilfunkanbieter zeigen Interesse an der Technik des teleoperierten Fahrens. Ihre Beweggründe gehen dabei sogar noch über die Bandbreite an Möglichkeiten hinaus, die ein ferngesteuertes Fahrzeug ohne Fahrer künftig für Fuhrparkbetreiber oder Logistiker eröffnen wird.

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(Foto: MIRA GmbH)

Drei Fragen an Mira-Geschäftsführer Klaus Kappen

Weshalb Ihre Partnerschaften mit Mobilfunkanbietern?
Hintergrund ist, dass wir eine sehr hohe Menge an Daten vor allem vom Fahrzeug über das Netz senden. Dabei ist eine möglichst geringe Latenz – also Verzögerung – schon allein aus Gründen der Sicherheit absolut geboten. Zudem testen wir mit der Deutschen Telekom auch neue Netzfeatures, die besonders auf das teleoperierte Fahren zugeschnitten sind.

Wie groß sind die Erfolgsaussichten der Technologie?
Zum einen bin ich persönlich überzeugt von der Idee. Aber wir werden in gleichem Maße durch unsere verschiedenen Kundenkontakte, also das Feedback des Marktes, bestätigt.
Darüber hinaus sind wir nicht allein und andere Marktbegleiter sind für mich ein gutes Indiz dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Gibt es aus Ihrer Sicht noch weitere Vorteile der neuen Technik?
Ich bin überzeugt, dass wir mit unserer Technik auch eine Verbesserung der Effizienz und der Nachhaltigkeit des Verkehrs insgesamt erreichen werden, was angesichts der ständig wachsenden Belastung vor allem unserer Städte immer wichtiger wird. Auf diese Weise wird das teleoperierte Fahren ergänzend zu seinen vielen weiteren Vorteilen zumindest auch einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Ein Player auf dem noch jungen Markt für das teleoperierte Fahren ist die MIRA GmbH. Das in Düsseldorf ansässige Unternehmen ist 2022 als Start-up aus dem Rheinmetall Technology Center hervorgegangen, in dem die Basisentwicklung der Technik in den vergangenen Jahren erfolgt ist. Dabei wurden auch weitere Spezialunternehmen des in der Automobil- und Wehrtechnik forschenden Düsseldorfer Konzerns in die Entwicklung einbezogen. Sie liefern heute beispielsweise Komponenten für die notwendige Sonderausrüstung teleoperierter Fahrzeuge sowie für die ebenfalls benötigten Steuereinrichtungen oder Leitstände.

Ins wahre Leben

Die besondere Strategie von MIRA ist es dabei, im Rahmen seiner Entwicklungsaktivitäten möglichst frühzeitig „auf die Straße“ zu gehen, um so authentische Testbedingungen für das Fahren per Teleoperation zu erhalten. Dazu Andreas Korwes, zuständig für die Markenkommunikation bei MIRA: „Wir wollten unsere Technik von Anfang an unter den Realbedingungen des öffentlichen Straßenverkehrs weiterentwickeln und uns nicht auf abgeschirmte Bereiche, wie etwa einen abgeschlossenen Betriebshof, beschränken.“

Dies machte allerdings zunächst umfangreiche Genehmigungsverfahren durch die Bezirksregierung Düsseldorf sowie den TÜV Rheinland notwendig. Dabei erwies sich der Düsseldorfer Mobilfunkspezialist Vodafone schon früh als geeigneter Partner für das sich abzeichnende „Reallabor“ im Industriehafen der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. In diesem definierten Bereich erhielt MIRA bereits 2022 die Genehmigung, den Einsatz seiner Technologie unter Realbedingungen im öffentlichen Straßenverkehr zu testen.

Mit Erfolg

Gesagt, getan. MIRA konnte so in seinem ersten Reallabor umfangreiche Erfahrungen sammeln, die zu zahlreichen Verbesserungen aller System-Komponenten, vom Fahrzeug bis zur Control Station, führten. Letztere steht im MIRA-Gebäude in Derendorf. Von hier aus steuert der „Fahrer“ die teleoperierten Fahrzeuge, die sich irgendwo auf der Welt befinden könnten, vorausgesetzt sie bewegen sich in einem 5G-Netz. Auch der Düsseldorfer Mobilfunkbetreiber erhielt so eine klare Rückmeldung über die spezifischen Anforderungen des Netzes im Hinblick auf die kommende automatisierte Mobilität.

Der Erfolg ihres ersten teleoperierten Fahrzeuges, eines VW Golf, war für die Spezialisten Anlass, ihre Flotte zu erweitern. Heute sind drei MIRA-Fahrzeuge, darunter zwei Kleintransporter, im Stadtbild zu erkennen – und das mittlerweile nicht nur in Düsseldorf.

Schon bald ein vertrauter Anblick: MIRA-Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr.
(Fotos: Ralf Grothe, zeit-licht.de)

Neue Netze

Als weiterer interessierter Player vonseiten der Mobilfunkanbieter erwies sich nämlich schnell auch die Deutsche Telekom. Das im Hinblick auf innovative Ideen sehr aufgeschlossene Unternehmen ging bereits 2022 ebenfalls eine Partnerschaft mit MIRA ein. Wie auch bereits Vodafone ermitteln die Bonner Techniker deshalb zurzeit, wie ihr 5G Netz an die speziellen Anforderungen von MIRA angepasst werden kann. Ziel bleibt es, eine optimale Mobilfunktechnologie anzubieten, die selbst minimalste Verzögerungen ausschließt und so eine optimale Verfügbarkeit für den Realbetrieb dieser Technik sicherstellt. Im Frühjahr 2023 wurde zudem in der früheren Bundeshauptstadt Bonn ein weiterer Betriebsbereich im öffentlichen Straßenverkehr genehmigt. Die Freigabe einer weiteren Strecke steht derzeit an. Das Ziel der Partner für die nahe Zukunft ist ein (fahrerloser) Shuttle zwischen Standorten der Deutschen Telekom. Zugleich bindet sich das Unternehmen so noch stärker an den öffentlichen Nahverkehr an und entspricht außerdem dem gestiegenen Mobilitätsbedarf – ein klarer Beitrag zur Entlastung der Stadt Bonn.

In naher Zukunft wird ein (fahrerloser) Shuttle den rechtsrheinischen Bonner Standort der Telekom mit dem U-Bahnhof Ramersdorf verbinden. Eine weitere Strecke ist im Stadtteil Gronau in Planung.

Aber welche besonderen Anforderungen stellt denn gerade das teleoperierten Fahren an die Mobilfunknetze? Antwort weiß Heinrich Dismon, der gemeinsam mit Klaus Kappen bei der Rheinmetall AG die Geschäftsführung der MIRA GmbH verantwortet: „Im Gegensatz zu zeitlich begrenzten Events, zu denen auch schon ‚normale‘ Verbraucher die Leistung ihrer Mobilfunkanbindung voll auszunutzen, arbeiten wir beim teleoperierten Fahren nahezu permanent mit extrem hohen Datenraten.“ Hinzu kommt, so Dismon weiter, „dass für eine Teleoperation von Fahrzeugen ein hoher Datentransfer nahezu in Echtzeit unabdingbar ist.“

Geschwindigkeit zählt

Somit stellt Teleoperation extrem hohe Anforderungen an die Leistungsfähigkeit selbst der modernen Mobilfunktechnik. Ein Einsatzzweck, den in diesem Ausmaß nur die wenigsten Verwender nutzen, sieht man einmal von der besonders zuverlässigen und schnellen Up- und Downloadmöglichkeit dieser Netze ab.

Also ein klarer Lackmustest für die Provider. So können sie erfahren, wie ihre Netze auf diese besonderen Anforderungen hin optimiert werden müssen. Anhand dieser zukunftsorientierten Anwendung wird außerdem auch die Notwendigkeit der neuen Netztechnik erst richtig nachvollziehbar.

Auch Telekom-CEO Tim Höttges (5.v.l.) informierte sich detailliert über den aktuellen Stand der Technik in der Teleoperation. (Foto: Ralf Grothe, zeit-licht.de)

Kein Wunder, dass die Deutsche Telekom der versammelten Fachwelt die MIRA-Technologie auch auf ihren zahlreichen Veranstaltungen präsentiert. Das Interesse geht dabei sogar hoch bis zu Telekom-Vorstandschef Tim Höttges, der sich vom MIRA-Team eingehend über die Technologie und das Potenzial des teleoperierten Fahrens informieren ließ. So waren die Düsseldorfer 2023 bereits zum zweiten Mal auf der Kölner Digital X-Messe, die die Telekom alljährlich veranstaltet, und auch bei der Bonner „Nacht der Technik“ waren jüngst Mitarbeiter von MIRA an Bord.

Sicherheitsfahrer muss weg

Und wie geht es weiter mit dem teleoperierten Fahren? Klare Aussage der Spezialisten: Der nächste wichtige und entscheidende Schritt wird die derzeit betriebene Freigabe der funktionalen Sicherheit des Systems. Ist dies erst einmal erreicht, könnte dann die Freigabe für den Entfall des noch immer vorgeschriebenen Sicherheitsfahrers im teleoperierten Fahrzeug selbst folgen und nach Aufhebung der bisher nur begrenzten Streckenfreigaben wäre der Weg für einen weitreichenden Einsatz der Technologie frei. Das Interesse der Kunden, beispielsweise aus dem Logistikbereich, ist indes groß, wie die Rückmeldung an die MIRA-Mitarbeiter auf entsprechenden Messen und Kongressen zeigt.

Und auch viele Fahrzeughersteller wollen wissen, welche Erweiterungen notwendig sind, um künftig mit der neuen Technologie Schritt zu halten. Die denkbaren Einsatzzwecke sind jedenfalls breit gestreut. Man denke nur an ein autonomes Fahrzeug, das beispielsweise aufgrund einer für seine Steuerung unlösbaren Fahrsituation – z.B. eine durchgezogene Fahrbahnmarkierung, die überfahren werden müsste – von seiner autonomen Steuerung gestoppt wird. Durch einen Teleoperator könnte das Fahrzeug schnell über die fahrerische „Barriere“ gebracht werden. Die Technologie der Teleoperation bietet damit nicht nur eine Erleichterung für weite Lebensbereiche und viele Industrien, sondern ist sicher auch einer der Wegbereiter für das zukünftige vollautonome Fahren.

Sie bestücken Maschinen, verpacken oder unterstützen in der Qualitätskontrolle: Mit ihren selbst entwickelten kollaborativen Robotersystemen sorgt die Rheinmetall-Tochter Pierburg an ihrem Neusser Produktionsstandort für mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Nun sollen auch andere Werke des Technologiekonzerns von den smarten Helfern profitieren.

Qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, wird weltweit zu einem immer drängenderen Problem der Wirtschaft. In Europa ist die deutsche Industrie am stärksten davon betroffen. Laut aktuellem DIHK-Report klagt mittlerweile mehr als jedes zweite Fertigungsunternehmen hierzulande über Personalengpässe. Eines von ihnen ist die zum Rheinmetall-Konzern gehörende Pierburg GmbH. Insbesondere in der Produktion fehle es an Fachkräften, wie Karsten Sonnenschein berichtet. Der promovierte Ingenieur leitet beim renommierten Automobilzulieferer Pierburg den Bereich Electrification and Digitalization. „Der anhaltende Personalmangel und die hohen Lohnkosten in Deutschland machen eine manuelle Montage mittlerweile höchst unwirtschaftlich“, erläutert Sonnenschein. Um die Wettbewerbsfähigkeit seiner Standorte zu verbessern, setze Pierburg deshalb schon länger auf eine automatisierte Produktion – sowohl in Deutschland als auch international. Allein im Jahr 2021 hat das Unternehmen weltweit 50 neue Industrieroboter in seinen Werken installiert.

Hohe Flexibilität gefragt

„Vollautomatische Montagelinien und Roboterzellen sind teuer“, weiß Sonnenschein. Bis sich das Investment amortisiert, dauere es vergleichsweise lang, führt der Manager weiter aus. Gleichzeitig verursache jede produktspezifische Änderung hohe Rüstkosten und Ausfallzeiten. Und die treten laut des Bereichsleiters immer häufiger auf: „Insbesondere bei neueren Komponenten sind kürzere Produktlebenszyklen Alltag.“ Er und sein Team haben deshalb für das Werk Niederrhein in Neuss nach flexibleren Alternativen gesucht und sind schnell auf kollaborative Roboter gestoßen. „Die am Markt verfügbaren Greifer- und Visionsysteme für -Cobots haben uns nicht überzeugt“, erinnert sich der am Projekt beteiligte Engineering Manager Lukas -Romanowski – „zu aufwändig in der Programmierung, zu wenig standardisiert, zu störungsanfällig.“

Innovationsgeist made by Rheinmetall

Die Ingenieure von Pierburg haben deshalb kurzerhand ihren eigenen Cobot mit Soft Gripper entwickelt. Zugute kamen ihnen dabei die weitreichenden Erfahrungen, die Pierburg und die Rheinmetall-Gruppe im Rahmen ihrer hochautomatisierten Standorte sammelten. Gleichzeitig floss jede Menge unternehmenseigenes Know-how auf dem Gebiet der Pneumatik, Elastomere und Steuerungsgeräte in den kollaborativen Roboter ein.

Die Inbetriebnahme und Programmierung der Cobots vor Ort ist denkbar einfach. (Foto: Natalie Bothur)

Die Entwicklung dauerte nur knapp über ein Jahr. Bereits 2022 waren die ersten Prototypen im Werk an der Neusser Hafenmole im Einsatz. „Dank ihres pneumatischen Elastomergreifers sind die smarten Cobots – wie ein Mensch – in der Lage, mit größtem Fingerspitzengefühl empfindliche Werkstücke zu greifen“, freut sich Romanowski. Sie können sowohl Schalter und Tasten drücken als auch mit Kleinladungsträgern (KLT) hantieren und Signale beachten. Die integrierte 3D-Kamera der Cobots und fortschrittlichste Bildverarbeitung auf Basis von künstlicher Intelligenz machen es möglich. Für das Visionsystem hat Pierburg mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Rheinmetall Division Electronic Solutions zusammengearbeitet, wie Sonnenschein und Romanowski berichten.

Kollege Roboter

Dank ihrer Vielseitigkeit lassen sich die autarken mobilen Cobots flexibel in verschiedenste Arbeitsprozesse integrieren – sei es bei der Bestückung von Maschinen, in der Nachbearbeitung von Gussteilen, in Prüfständen oder beim Verpacken von Produktkomponenten. Auch die Inbetriebnahme und Programmierung sind denkbar einfach. Das Besondere der Cobots ist ihr Multisoftgreifer. Er minimiert Verletzungsrisiken und eröffnet damit eine gefahrlose, -CE-konforme Kooperation mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Produktion. „Nach anfänglicher Skepsis freuen sich die Teams in unserem Neusser Werk über ihre neuen Roboterkollegen“, berichtet Sonnenschein. „Die Cobots entlasten sie bei monotonen Aufgaben. Dadurch können sie sich anspruchsvolleren und weniger körperlich belastenden Tätigkeiten widmen.“

Das „Smartphone“ unter den Cobots

Der Bereichsleiter sieht in dem Robotereinsatz und den damit verbundenen Effizienzgewinnen große Vorteile für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts und Hochlohnlands Deutschland. Aktuell versuchen Karsten Sonnenschein und sein Team, andere Pierburg-Werke für die Cobots zu begeistern. Auch mit der Rheinmetall-Unit Waffe Munition laufen Gespräche. Mittelfristig will das Unternehmen die kollaborativen Roboter auch extern vertreiben. „Das Marktpotenzial ist immens“, sagt Dr. Sonnenschein. Insbesondere in der Lebensmittelindustrie und in mittelständischen Industrie- und Handwerksbetrieben rechnet er mit guten Absatzchancen. „Unsere Soft Robotics-Lösungen sind gewissermaßen das ‚Smartphone‘ unter den Cobots“, so sein Resümee. „Sie sind nicht nur kostengünstiger als die aktuell am Markt verfügbaren Systeme, sondern auch besser standardisiert und damit vielfältiger einsetzbar.“

Der Überfall auf die Ukraine hat gezeigt, wie wichtig eine schlagkräftige Luftwaffe für die Landes- und Bündnisverteidigung ist. Mit der F-35A erhält Deutschland zur Ablösung der veralteten Tornado-Kampfflugzeuge in absehbarer Zeit das modernste Kampfflugzeug der Welt. Rumpfmittelteile dieses Flugzeugtyps kommen von Rheinmetall – genauer gesagt aus einer State of the Art-Fabrik, die derzeit in Weeze entsteht. Beim symbolischen Spatenstich griffen viele Prominente aus Politik, Wirtschaft und Militär zur Schaufel.

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(Foto: IMAGO / Björn Trotzki)

F-35 Lightning II

Die Lockheed Martin F-35 Lightning II bildet künftig das Rückgrat vieler Luftstreitkräfte der NATO sowie verbündeter Staaten. Das einsitzige Strahlflugzeug F-35 besitzt hervorragende Stealth-Eigenschaften, ist also im Gegensatz zu anderen Flugzeugen für das gegnerische Radar nahezu unsichtbar. Der Jet übernimmt Aufgaben eines Jagdflugzeugs, also das Bekämpfen von Luftzielen, besitzt aber auch die Fähigkeit, Bodenziele zu bekämpfen. Je nach Ausstattung sind auch Aufklärungs- und Überwachungsmissionen sowie elektronische Kriegsführung möglich. Die F-35 wird in drei Versionen gebaut: Die F-35A ist für herkömmliche Starts und Landungen ausgelegt, die Version B für kurze Starts und senkrechte Landung und die F-35C für den Einsatz auf Flugzeugträgern.

Weeze und Flugzeuge – das haben die meisten bislang mit dem dortigen Regionalflughafen in Verbindung gebracht. In Zukunft wird Weeze aber auch im Bereich militärischer Luftfahrzeuge wieder eine bedeutende Rolle einnehmen. Denn auf dem Gelände des einstigen britischen Fliegerhorsts baut Rheinmetall derzeit ein hochmodernes Werk für eines der wichtigsten Verteidigungssysteme der Welt: das Mehrzweckkampfflugzeug F-35 Lightning II. Mit dem neuen Werk setzt Rheinmetall in enger Partnerschaft mit Lockheed Martin und Northrop Grumman ein Leuchtturmprojekt transatlantischer Rüstungskooperation um. Mit Lockheed Martin, dem Hersteller der F-35, verbindet Rheinmetall seit Jahren eine hervorragende und enge Partnerschaft, die durch die Kooperation bei der Rumpfmittelteilfertigung seit diesem Jahr auch zu Northrop Grumman – dem größten Zulieferer im weltweiten F-35-Programm – besteht.

Ministerpräsident Wüst: „Demokratie muss wehrhaft sein“

Mit Blick auf die russische Aggression gegen die Ukraine unterstrich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst bei seiner Begrüßung, dass demokratische Wehrhaftigkeit zur Verteidigung unserer Werte unverzichtbar sei: „Wir werden getestet, ob wir willens und ob wir in der Lage sind, diese Werte nicht nur in Sonntagsreden zu beschwören, sondern dafür auch im wahrsten Sinne des Wortes in der Lage sind, unsere Art zu leben zu verteidigen.“ Und Wüst ergänzte: „Wer Demokratien entwaffnet, macht Recht und Freiheit schutzlos.“

Mehr als eine Investition

Der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende Armin Papperger macht die Bedeutung der 100-Millionen-Euro-Investition für das Unternehmen und für den Wirtschaftsstandort Deutschland deutlich: „Wir sind stolz, dass unsere langjährige Partnerschaft mit Northrop Grumman und Lockheed Martin sowie unsere seit Jahrzehnten bestehenden engen Verbindungen zur Bundeswehr zu einem echten Know-how-Transfer an den Standort Deutschland führen. Ebenso freuen wir uns, zur Zukunftsfähigkeit des Technologiestandorts Deutschland beizutragen und auf diese Weise technologisch auch das Bundesland NRW zu bereichern, in dem wir unseren traditionellen Unternehmenssitz haben. Unweit der Landeshauptstadt Düsseldorf errichten wir eine Fabrik, die in Europa Maßstäbe setzt.“ Der Technologiekonzern will im Werk Weeze mindestens 400 F-35A-Rumpfmittelteile produzieren.

Zeitenwende bei der Luftwaffe

Die Bundeswehr beschafft in einem ersten Schritt 35 Kampfjets des Typs F-35A, die das System Tornado ab voraussichtlich 2027 ersetzen sollen – ein sichtbares Zeichen für die versprochene Zeitenwende in Sachen Landesverteidigung und ein wichtiges Element der sogenannten nuklearen Teilhabe Deutschlands innerhalb der NATO. Steht die Bundesregierung doch nach wie vor in der Pflicht, im Falle eines Atomkrieges die in Deutschland lagernden nuklearen US-Sprengköpfe von der Bundeswehr zum Zielort zu fliegen und zünden zu lassen. Neben Deutschland haben sich auch zahlreiche andere Länder für die F-35 entschieden.

Bei der Projektplanung hat Rheinmetall „den Nachbrenner gezündet“: Die Produktion der ersten Teile soll bereits 2025 beginnen. „Wir freuen uns über die zügige Standortwahl von Rheinmetall für die Produktion von F-35-Rumpfmittelteilen. Dies ist ein wichtiger Meilenstein im deutschen F-35-Programm. Diese Kapazitätserweiterung trägt dazu bei, die wachsende weltweite Nachfrage zu befriedigen und mit der F-35 in Bezug auf künftige Bedrohungen im 21. Jahrhundert einen Schritt voraus zu sein“, so Mike Shoemaker, Vice President of F-35 Customer Programs bei Lockheed Martin.

2006

hob die F-35 zum ersten Mal vom Boden ab.


3.513

Maschinen sind derzeit beauftragt.


19

Staaten haben den Jet bisher bestellt.


Know-how aus den USA

In der Produktion der Flugzeugkomponenten kann Rheinmetall seine Erfahrungen als integrierter Technologiekonzern bei der Fertigung komplexer Systeme einbringen. Für die Aufgabe arbeitet der Düsseldorfer Konzern zudem eng mit dem US-Partner Northrop Grumman zusammen, dessen Vertragsnehmer Rheinmetall ist. „Northrop Grumman wird seine Automatisierungs- und Fertigungstechnologien der integrierten Montagelinie in Weeze replizieren“, sagt Glenn Masukawa, Vice President und Manager des F-35-Programms von Northrop Grumman. „In Kombination mit den Fähigkeiten von Rheinmetall ist unsere Zusammenarbeit mit Lockheed Martin bei der Herstellung des Mittelrumpfes ein wichtiger Beitrag zur globalen Sicherheitsvorsorge.“

Auch die Region gewinnt

Für die Region bedeutet das Werk einen wirtschaftlichen „Senkrechtstart“: Mehr als 400 hochqualifizierte neue Arbeitsplätze in den verschiedensten Bereichen werden unmittelbar in Weeze entstehen: Neben der Montagelinie wird die Einrichtung auch Logistik- und Lagerbereiche, Labore, Schulungsräume sowie den Bereich Qualitätskontrolle umfassen. Rheinmetall und seine Partner binden zudem weitere Unternehmen als Zulieferer und Dienstleister in das Programm ein. Geschätzt über 1.500 Arbeitsplätze können so bei kleinen und mittelständischen Unternehmen der Region entstehen. Mona Neubaur, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen: „Zu einer Zeitenwende zählt, dass Industriepolitik eben auch Rüstungsindustrie bedeutet, und deswegen ist es ein guter Tag für Weeze, für die Region und für das Land Nordrhein-Westfalen, dass hier ein relevanter Teil des F-35-Jets gefertigt werden soll.“