Goldwert
3. September 2025
16. März 2026
Nachhaltigkeit in der Verteidigungsindustrie – ein Widerspruch? Keineswegs. Für Rheinmetall ist Corporate Sustainability strategischer Imperativ: vom Klimarisikomanagement über Compliance bis zur Lieferkettensorgfalt. Ein Blick hinter die Kulissen eines Konzerns, der Verantwortung neu definiert.

Der Dreiklang der Nachhaltigkeit
ESG – drei Buchstaben, die verantwortungsvolles Wirtschaften greifbar machen:
Environment umfasst den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen, etwa durch Klimaschutzmaßnahmen und den schonenden Umgang mit Ressourcen.
Social steht für soziale Verantwortung: faire Arbeitsbedingungen, die Wahrung von Menschenrechten und gesellschaftliches Engagement.
Governance beschreibt eine integre Unternehmensführung mit transparenten Strukturen und klaren ethischen Prinzipien.
Ist von Nachhaltigkeit die Rede, denken viele zuerst an Vorgaben aus Brüssel, Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie oder vielleicht auch vegetarische Wurst. Für Sabine Becker, Leiterin Corporate Sustainability bei Rheinmetall, geht es um etwas ganz anderes. „Wir beschäftigen uns intensiv mit der Stärkung der Resilienz unseres Konzerns. Zu diesem Ziel kann Nachhaltigkeit in all ihren Facetten sehr viel beitragen.“ erklärt sie. „Wir blicken hinsichtlich der Klimafolgen weit voraus und ermitteln, mit welchen Auswirkungen unsere Standorte in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren rechnen müssen. Sind die Werke angemessen auf Überflutungsgefahren, Temperaturänderungen oder Tornados vorbereitet?“ Im vergangenen Jahr haben die Nachhaltigkeitsexpertin und ihr Team die weltweiten Fertigungsstätten von Rheinmetall anhand von Geolokations- und Klimadaten analysiert. Künftig werden daraus Maßnahmen abgeleitet, mit denen bei Bedarf Vorkehrungen an den Standorten getroffen werden können.
Reputation ist ein hohes Gut
Doch zur Resilienz des Konzerns zählt noch weit mehr. Nachhaltigkeit fungiert dabei als systematisches Risikomanagement. Im Business-to-Government spiele die Reputation von Verteidigungsunternehmen eine gewichtige Rolle, wie Caroline von Buchholz, Corporate Sustainability Managerin, erklärt: „Wer Regierungen beliefern möchte, sollte auch auf seinen Ruf Acht geben.“ Dies betrifft nicht nur das eigene Unternehmen mit Exportkontrollen und Compliance, sondern auch die Lieferkette“, betont sie. Die Verantwortung endet nicht an den eigenen Werkstoren. Die Achtung von Gesetzen, Regeln und sozialen Werten wird auch von Lieferanten erwartet und durch Risikoanalysen überprüft. Dies ist übliche Praxis und stärkt letztlich die Zuverlässigkeit in der Lieferkette. Regelverstöße können zur Beendigung der Geschäftsbeziehungen führen.
Lieferketten unter der Lupe
Der Zentralbereich Corporate Sustainability steht diesbezüglich in engem Austausch mit dem Einkauf. Dort durchläuft jeder Lieferant von Rheinmetall eine systematische Analyse: Land, Branche, Risikopotenzial. Bei Auffälligkeiten erfolgt eine tiefere Prüfung. „ESG-Kriterien (siehe Kasten) sind längst Bestandteil jeder Vergabeentscheidung“, sagt Caroline von Buchholz. „Der Supplier Code of Conduct verpflichtet unsere Lieferanten zu Klimaschutz, Energieeffizienz und fairen Arbeitsbedingungen.“ Um das Thema konsequent voranzutreiben, hat der Einkauf in den letzten Jahren gezielt Expertise aufgebaut und neue Prozesse etabliert.
Ein Mammutprojekt namens CSRD
Und nicht nur mit dem Einkauf stehen sie in Kontakt: Compliance, Finance, Human Resources, Produktion, Konzernsicherheit und viele mehr – Nachhaltigkeit betrifft sämtliche Unternehmensbereiche. Gleichzeitig verfügt jede Division von Rheinmetall über Nachhaltigkeitsmanager, die sich explizit ESG widmen. Sowohl mit den Fachbereichen als auch den ESG-Managern der Divisionen arbeiten Sabine Becker und ihr Team zusammen – ein Netzwerk, das den gesamten Konzern durchzieht.

Wie gut die bereichsübergreifende Kooperation im Konzern funktioniert, erlebten sie bei der Einführung der neuen EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung: der Corporate Sustainability Reporting Directive, kurz CSRD. „Uns stand für die Umsetzung des äußerst komplexen und interpretationsbedürftigen Regelwerks de facto nur wenig Zeit zur Verfügung“, erinnert sich Sabine Becker. Eine Mammutaufgabe. „Jede Division musste dafür berichtskonforme Daten liefern, die es in Teilen in dieser Form noch nicht gab“, sagt sie. Prozesse wurden neu aufgesetzt, Schnittstellen geschaffen. Regelmäßig waren neue Anwendungshinweise aus Brüssel zu beachten oder Umsetzungstipps zu diskutieren. Auch die Akquisitionen von Rheinmetall wie die Übernahme des US-Fahrzeugspezialisten Loc Performance Ende 2024 spielten eine wichtige Rolle. Denn auch hier galt: ESG-Daten und Zertifikate anfordern, aufbereiten und integrieren. „Das war für uns in Summe ein sehr spannender Prozess, weil die Richtlinie für alle großen Unternehmen in Europa erstmalig anzuwenden war und wir auf keine Erfahrungen zurückgreifen konnten“, so von Buchholz im Rückblick.
Und dann zerbrach die Ampelkoalition. Die deutsche Regierung brachte das Gesetz zur nationalen Umsetzung der CSRD nicht mehr durch den Bundestag. Rheinmetall stand vor der Entscheidung: Abwarten oder vorangehen? Der Konzern entschloss sich für Letzteres. „Wichtig zu erwähnen, dass wir das freiwillig getan haben“, betont von Buchholz. Was als regulatorische Pflicht begann, entwickelte sich zu einem strategischen Projekt, das wertvolle Erkenntnisse für die Resilienz des Unternehmens beisteuern kann.

Klimaschutz
Vom Emissionsmanagement bis zur Energieeffizienz: Rheinmetall setzt auf messbare Fortschritte. Ein Blick auf die zentralen Klimakennzahlen des Konzerns:
4,2 %
weniger Emissionen pro Jahr
1,7 %
jährliche Energieeinsparungen
2035
CO₂-Neutralität für Scope 1 und 2 (marktbasiert)
Strombezug aus externen nachhaltigen Quellen in Megawattstunden:

Die Menschen hinter den Zahlen
Rheinmetall wächst aktuell sehr stark, und mit der Expansion wachsen die Herausforderungen – nicht nur in der Berichterstattung. „Jeden Monat starten neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen“, so Becker. „Das Team von Human Resources leistet nicht nur viel im Recruiting, sondern unterstützt uns auch bei der zentralen Frage: Wie integrieren wir eine Vielzahl neuer Kolleginnen und Kollegen nachhaltig ins Unternehmen?“ Neue Beschäftigte lernen die Rheinmetall-Welt in Onboarding-Prozessen kennen. Bei Übernahmen begrüßt das Unternehmen die Belegschaften mit Welcome Days, die Corporate Communications organisiert.
„Die akquirierten Firmen bringen ihre eigene Kultur mit, ihre eigenen Prozesse, ihre eigenen Vorstellungen davon, wie ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet. Dass man am Ende zusammenwachsen kann, erfordert Engagement von allen und es ist immer schön, diesen Prozess zu erleben“, betont Sabine Becker.


Zukunftsfähige Energienutzung
Daneben forciert der Bereich Corporate Sustainability gemeinsam mit dem Energiemanagement und den ESG-Managern der Divisionen ganz klassisch die Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Unternehmen. Das Ziel ist ambitioniert: CO₂-Neutralität für Scope 1 und 2 bis 2035. Marktbasiert – das heißt, Rheinmetall nutzt für die Berechnung seines CO2-Ausstoßes in Scope 2 Daten seiner Energiezulieferer. Mit der selbst gesteckten Frist geht das Düsseldorfer DAX-Unternehmen über den EU-Zeitplan hinaus. Die Benchmarks sind gesetzt: 4,2 Prozent weniger Emissionen pro Jahr, 1,7 Prozent weniger Energieverbrauch. Klingt nach kleinen Schritten, ist aber eine gewaltige Aufgabe für einen Konzern dieser Größe. Alle großen Standorte müssen ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 einführen. Der Anteil des zertifizierten Energieverbrauchs konnte von 45 Prozent im Vorjahr auf über 70 Prozent Ende 2025 erhöht werden.


Wider das Vergessen
Gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, erfordert den Mut, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. In der Firmenchronik aus dem Jahr 2014 hat sich Rheinmetall erstmals mit seiner NS-Vergangenheit beschäftigt. Erinnern ist Zukunft – unter diesem Leitgedanken stand auch die von Borussia Dortmund (BVB) und Evonik organisierte Bildungsreise nach Oświęcim im Spätsommer 2025. Sabine Becker und Caroline von Buchholz von Rheinmetall folgten der Einladung des Partnerunternehmens BVB. Während des Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz und in weiterführenden Workshops erfuhren die rund 40 Teilnehmenden, in welcher Form Industrieunternehmen wie die Evonik-Vorgängergesellschaften oder die damalige Rheinmetall-Borsig AG an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt waren und wirtschaftlich profitierten. Ihr Fazit: eine sehr bewegende Reise und ein wichtiges Bekenntnis zur gesellschaftlichen Verantwortung.
Der Bezug erneuerbaren Stroms hat sich innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt. „Ein Großteil der Emissionseinsparung realisieren wir über den Einkauf von Grünstrom“, berichtet Becker. Das sei aktuell die günstigste und schnell umzusetzende Maßnahme. In den nächsten Jahren will Rheinmetall seinen Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen decken. Doch es geht nicht nur um Strom. In manchen Werken heizen mittlerweile Holzhackschnitzel-Heizkraftwerke, anderswo wird Fernwärme genutzt oder Abwärme aus Lackierereien zurückgewonnen. „In den ersten Jahren waren unsere Energieziele noch relativ einfach zu erreichen“, erklärt die Corporate Sustainability-Verantwortliche. „Konzernweit haben wir mit den naheliegenden Maßnahmen begonnen: normale Glühbirnen durch LED ersetzt – das allein spart enorm viel Energie. Diese Quick Wins sind jetzt realisiert. Ab jetzt wird es anspruchsvoller“, so Becker.
Nachhaltigkeit im Wandel
Innerhalb seiner Branche zeigt Rheinmetall: Verteidigung kann nachhaltig sein, um resilient zu bleiben. Der DAX-Konzern arbeitet an Lösungen zur Versorgung der Streitkräfte mit Kraftstoffen auf E-Fuel-Basis. Ziel ist es, die Energieautarkie und Resilienz europäischer Streitkräfte nachhaltig zu stärken und zugleich einen Beitrag zur Stabilität der kritischen Energieinfrastruktur zu leisten. Weitere Projekte zur Unterstützung von mehr Unabhängigkeit sind bereits geplant: „Zusammen mit den Divisionen werden wir prüfen, inwieweit Kreislaufwirtschaft künftig für Rheinmetall relevant sein könnte“, berichtet Sabine Becker – sowohl bezogen auf die Produktion des Portfolios als auch mit Blick auf die Lieferkette von Materialien.
Sicherheit als Garant für Nachhaltigkeit
Lange mussten sich Unternehmen der Verteidigungsindustrie für ihre Produkte rechtfertigen. Seit dem Ukrainekrieg und der wachsenden Bedrohung Europas durch Russland ist ihre Relevanz nicht mehr wegzudiskutieren. Die öffentliche Wahrnehmung hat sich stark gewandelt. Sicherheit wird zunehmend als eine Voraussetzung dafür gesehen, dass Staaten und Gesellschaften sich nachhaltig entwickeln können. Denn: Ohne stabile Rahmenbedingungen sind Klima- und Umweltschutzschutz, Bildung und Wohlstand nicht möglich.
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